Abnabelung von den Eltern: Wie sie gelingt (und wie garantiert nicht)

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Abnabelung von den Eltern

Die Abnabelung von den Eltern gehört zum emotionalen Erwachsenwerden. Wird sie nicht bewältigt, bleiben wir innerlich Kind und abhängig von der Zustimmung unserer Eltern. Dabei spielt es keine Rolle, ob unsere Eltern noch leben oder nicht.

Die Abnabelung von den Eltern ist ein seelischer Prozess, der unabhängig von der Außenwelt vollzogen wird. Deshalb bedeutet Abnabelung auch nicht, dass wir den Kontakt zu unseren Eltern abbrechen oder beschränken müssen. Wir erlauben lediglich den erwachsenen Teilen unserer Persönlichkeit die Führungsrolle in unserem Leben einzunehmen.

Wie die Prägungen unserer Eltern unser Leben bestimmen

Was glaubst du, wer deinen Partner ausgesucht hat? Du oder deine Eltern? Du selbst natürlich! Oder nicht?

Vermutlich nicht ganz. Selbstverständlich triffst du deine Lebensentscheidungen selbst. Auf der bewussten Ebene. Jedoch finden diese Entscheidung sehr wahrscheinlich auf Basis unbewusster Prägungen statt, die während deiner Kindheit entstanden sind.

Denk mal an die Metapher des Eisbergs, bei dem sich etwa 9/10 unterhalb der Wasseroberfläche befinden. Egal, wie stark der Wind über Wasser weht - der Eisberg wird sich immer in Richtung der unter der Oberfläche herrschenden Strömung bewegen.

Viele wissen gar nicht, wie sehr ihre damals entstandenen Wertvorstellungen, ihr erlerntes Bindungsverhalten und ihre so genannten "Elternkomplexe" bis heute ihr Leben steuern. Aber erwachsen wird niemand allein dadurch, dass er älter wird. Es ist ein aktiver Prozess, der uns viel abverlangt.

Bei manchen gelingt die Abnabelung von den Eltern intuitiv. Die meisten müssen diesen Prozess jedoch selbst in die Hand nehmen, wenn sie wirklich frei werden und stressfrei Entscheidungen treffen wollen, die auf ihre eigenen Werten beruhen und nicht auf den Vorstellungen ihrer Eltern. Natürlich muss das nicht immer ein Widerspruch sein.

1. Abnabelung von den Eltern: Das Durchtrennen der Nabelschnur

Die Abnabelung von den Eltern durchläuft verschiedene Stufen. Dabei setzen wir uns sowohl mit den Eltern als Personen als auch mit den elterlichen Werten und Normen auseinander. Der erste und vielleicht dramatischste Schritt ist sicher die Durchtrennung der Nabelschnur - die Abnabelung vom Rundumservice eines Lebens in Verbundenheit und umsorgt werden.

Danach ist für uns nichts mehr, wie es war. An unserem Bedürfnis nach Verbundenheit hat sich zwar nichts geändert, doch müssen wir jetzt neue Wege finden, um verbunden zu sein und zu bleiben.

Es wird nicht mehr alles für uns getan. Auch wenn unsere Mutter weiterhin für uns da ist und unsere Bedürfnisse stillt, müssen wir nun auch unseren Teil beitragen. Wir müssen selbstständig atmen, saugen, usw. Wir erfahren zum ersten Mal, was ungestillte Bedürfnisse sind. Im Mutterleib konnten keine ungestillten Bedürfnisse auftreten, da alles für uns getan wurde. Nun empfinden wir sie nicht nur, wir müssen auch auf uns aufmerksam machen, damit sie befriedigt werden.

Dabei lernen wir, dass wir vom guten Willen unserer Umwelt abhängig sind. Wir sind nach der physischen Abnabelung vollkommen auf unsere Umwelt angewiesen. So erfahren wir auch, dass die Erfüllung unserer Bedürfnisse über andere Menschen kommt. Aus unseren Bedürfnissen werden Beziehungsbedürfnisse.

Erfahre hier, wie unsere 8 Beziehungsbedürfnisse unser Leben beeinflussen:

Umgang mit unzureichend beantworteten Beziehungsbedürfnissen

Die Erfahrungen, die wir mit der Erfüllung unserer Beziehungsbedürfnisse machen, prägen unser Selbstbild und unsere Glaubenssätze über andere Menschen und die Welt an sich. Wurden unsere Beziehungsbedürfnisse angemessen und zuverlässig erfüllt, gelingt später auch die Abnabelung von den Eltern leichter.

War dies nicht der Fall, haben wir drei Möglichkeiten, in Zukunft mit ungestillten Beziehungsbedürfnissen umzugehen. Sie entsprechenden den archaischen Stressreaktionen aller Säugetiere auf Gefahr:

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    Kampfmodus: Im Kampfmodus schalten wir um auf das Programm 'emotionaler Selbstversorger'. Wir leben so, als würden wir andere Menschen nicht brauchen und verfahren nach dem Grundsatz "Das kann ich selbst".  Typischen Aussage im Kampfmodus sind "Wer braucht schon Männer?" oder "Wer sich auf andere verlässt, ist verlassen". Im Kampfmodus versuchen wir unser (emotionales) Überleben dadurch zu sichern, dass wir alles selbst machen und kontrollieren.
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    Fluchtmodus: Die andere Variante ist der Fluchtmodus. Hier beschreiten wir den Weg der Überanpassung. Wir verhalten uns eher unterwürfig beschwichtigend. Versuchen andere zu becircen und ihnen möglichst alles Recht zu machen, um so unsere Beziehungsbedürfnisse erfüllt zu bekommen. Während wir im Kampfmodus unsere Autonomie überbetonen, verfallen wir im Fluchtmodus in die Unselbstständigkeit und erlernte Hilflosigkeit - wir machen uns vollständig abhängig von anderen. Im Fluchtmodus versuchen wir, unser (emotionales) Überleben dadurch zu sichern, dass wir andere dazu bringen, uns das zu geben, was wir zu brauchen meinen.
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    Freezing (Totstellreflex): Wenn wir sehr nachhaltig in der Erfüllung unserer Beziehungsbedürfnisse verletzt wurden, verfallen wir häufig in eine Art sozialer Schockstarre. Dann verhalten wir uns passiv und erwarten nicht mehr viel von anderen und vom Leben selbst. Wir haben innerlich resigniert und aufgegeben, weil wir keine Hoffnung sehen, jemals das zu bekommen, was wir brauchen. Beim Freezing versuchen wir unser (emotionales) Überleben dadurch zu sichern, dass wir die psychologische Fallhöhe unserer zwischenmenschlichen Enttäuschungen begrenzen. Wer nichts erwartet, kann auch nicht enttäuscht werden.

Das Ergebnis aller drei Varianten ist emotionale Unfreiheit und der bittere Beigeschmack, auf diesem Wege nie das zu erhalten, was wir wirklich brauchen. Der Kampf- und der Fluchtmodus kommen auch beim Prozess der natürlichen Ablösung von den Eltern in verschiedenen Phasen vor.

Beispielsweise finden sich Verhaltensweisen aus dem Kampfmodus typischerweise in der Trotzphase und der Pubertät, wenn wir unser Eigenes häufig in Opposition zu den Eltern entwickeln und uns stark abgrenzen. Freezing kommt in der gesunden Abnabelung von den Eltern eher nicht vor, sondern stellt meist eine Reaktion auf traumatische Beziehungserfahrungen dar.

2. Abnabelung von den Eltern: Trotzphase, Pubertät und Adoleszenz

Die Abnabelung von den Eltern ist ein mehrphasiger Prozess, bei dem wir uns im Laufe des Lebens immer wieder auf verschiedenen Ebenen mit unseren Eltern und den Werten, für die sie stehen, auseinandersetzen. Je nachdem wie gut die einzelnen Phasen dieser Abnabelung gelingen, bleiben wir später mehr oder weniger von den Eltern abhängig.

Die Abnabelung von den Eltern ist kein kontinuierlicher Prozess sondern findet im Laufe unseres Lebens immer wieder auf andere Weise statt, bis sie gelungen ist. Dabei sind einige Phasen dieser natürlichen Entwicklung besonders relevant. Unbewältigt gebliebene Konflikte in diesen Phasen wirken sich stark auf unsere spätere emotionale Unabhängigkeit aus.

Trotzphase

In der Trotzphase der natürlichen Abnabelung von den Eltern lernen wir die Macht unseres eigenen Willens kennen, womit wir unserem Umfeld auch mal gehörig auf den Senkel gehen können. Die Grundhaltung in dieser Phase lässt sich mit einem Wort ausdrücken: NEIN.

Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Erik Erickson bezeichnete die Entwicklungsaufgabe für dieses Stadium (2. - 3. Lbj.) in seinem Modell psychosozialer Entwicklung als "Autonomie vs. Scham".

Erikson sah diese Phase in unserer natürlichen Abnabelung von den Eltern als „entscheidend für das Verhältnis zwischen Liebe und Hass, Bereitwilligkeit und Trotz, freier Selbstäußerung und Gedrücktheit“. Sie dreht sich um die Autonomieentwicklung des Kindes und ihre Bedeutung für die Entwicklung der eigenen Identität.

In diesem Alter ist unsere Entdeckerfreude nahezu ungebremst. Wir können bereits erste Worte sprechen, krabbeln wild umher und die meisten haben bereits das Laufen gelernt. Wir machen uns auf, unsere Welt zu erkunden und werden in unserem Freiheitsdrang so manches Mal von unseren Eltern eingebremst. Dieses Einbremsen kann massive Einschnitte in unsere kleine Welt bedeuten. Manche Eltern begrenzen ihr Kind nicht, sie brechen seinen Willen.

Schaut man sich die psychosexuelle Entwicklung nach Freud an, so befinden wir uns hier in der analen Phase, in die auch die Reinlichkeitserziehung bzw. das Toilettentraining fällt. Das gelingt bei weitem nicht immer.  Die falsche Herangehensweise der Eltern an dieses sensible Thema kann nicht nur zu Problemen wie dem späteren Einkoten im höheren Kindesalter (Enkopresis) führen, wir machen hier auch prägende Erfahrungen mit Macht und Ohnmacht, Kontrolle ausüben und kontrolliert werden.

Selbstverständlich müssen uns die Eltern in unserem Freiheitsdrang auch liebevoll begrenzen. Sie kennen die Welt und ihre Gefahren besser als wir. Ist ein Kind in seiner Entdeckerfreude gerade dabei, sich die Flasche Abfluss-Frei an die Lippen zu setzen, so werden liebende Eltern es umgehend daran hindern. Das Kind erlebt dabei vielleicht einen massiven Eingriff in seinen Vorwärtsdrang, doch geschieht er hier zu seinem höheren Wohl. Das können wir als Kinder jedoch selten erkennen.

Fehlen diese liebevollen Begrenzungen ganz, so bleibt auch das nicht folgenlos. Wir müssen die Regeln unseres Spielfelds kennen und ggf. auch mal in unserem kindlichen Größenwahn begrenzt werden, wenn er droht, sich schädlich auf uns oder andere auszuwirken. Findet diese gesunde Begrenzung nicht statt, werden wir orientierungslos.

Sowohl eine zu harte Begrenzung seitens der Eltern, als auch das Fehlen liebevoller Grenzen erschweren später den Prozess der Ablösung von den Eltern.

Kinder testen dann immer wieder ihre Grenzen aus. Als Erwachsene fehlt uns später das Gespür für unsere eigenen Grenzen oder die der Anderen. Dann trinken oder arbeiten wir regelmäßig bis zum Umfallen, muten uns grundsätzlich zu viel zu oder sind wegen unserer taktlosen Umgangsformen berüchtigt.

Wie man auf gesunde Weise mit diesem Bedürfnis umgeht - nicht nur bei Kindern - erfährst du in dieser Podcast-Folge:

Pubertät

Am ehesten denken wir beim Thema Ablösung von den Eltern an die Pubertät. In dieser Phase sind wir besonders stark auf der Suche nach der eigenen Identität. Oft bilden wir unser Eigenes in dieser Zeit in Opposition zum Bestehenden und lehnen grundsätzlich ab, was Eltern und andere "alte Leute" uns vorleben.

Wir rebellieren, stellen die Eltern in Frage, wollen auf keinen Fall so werden, wie sie. Natürlich ist diese Phase nicht bei jedem gleich stark ausgeprägt. Manchmal verläuft sie auch relativ reibungslos, aber das ist nicht unbedingt der Regelfall.

Wir wollen nicht so spießig, nicht so gewöhnlich, nicht so angepasst, nicht so ungerecht, nicht so scheinheilig sein, wie wir unsere Eltern erleben. Die Abnabelung von den Eltern nimmt in der Pubertät oft die Form der Ablehnung an.

Dass wir dennoch nicht ganz ohne Rollenvorbilder auskommen, lässt sich auch daran erkennen, dass in dieser Zeit die Bedeutung und der Einfluss unseres erweiterten sozialen Umfelds zunimmt. Wir orientieren uns verstärkt an Schulfreunden und Sportkameraden und bilden Cliquen. Wir suchen uns eine Gruppe von Menschen, die zu uns passt und wollen dazugehören.

Neben der Auseinandersetzung mit der persönlichen Geschlechtsidentität und dem Übergang vom Kind zum jungen "Erwachsenen" spielt der Schatten der Eltern eine besondere Rolle. Denn Kinder leben häufig die verdrängten Themen ihrer Eltern aus und zwingen sie so, sich mit ihren nicht bewältigten Entwicklungsaufgaben auseinanderzusetzen.

Abnabelung von den Eltern: Wie Kinder den Schatten ihrer Eltern leben

Eine ganz besondere Rolle Abnabelung von den Eltern spielt deren unbewusster Schatten für die Kinder. Dieser ist zugleich Grund häufiger Störungen in der Beziehung zwischen Eltern und Kind, als auch große Entwicklungschance für die Eltern selbst, wenn sie ihn im Verhalten der Kindern erkennen und annehmen können.

Beim Schatten handelt es sich in diesem Fall um das "Ungelebte" und Verdrängte der Eltern. Also um das, was die Eltern vielleicht gerne gelebt hätten oder hätten leben sollen, es sich aber versagt haben. Ist beispielsweise die Mutter selbst aggressionsgehemmt aufgewachsen, weil sie einen sehr autoritären Vater hatte, der keinen Widerspruch geduldet hat, wird sie mit großer Wahrscheinlichkeit viele unterdrückte Aggressionen in sich tragen. Diese werden Teil ihres Schattens.

Kinder spüren in ihrer Entwicklung intuitiv den Schatten ihrer Eltern auf und leben ihn wie stellvertretend für die Eltern aus. So wäre es gut denkbar, dass die Tochter dieser Mutter sich aggressiv verhält. Die Mutter wird mit einiger Sicherheit irritiert auf dieses Verhalten ihrer Tochter reagieren.

Einerseits hat sie nie gelernt, angemessen mit der Aggression anderer Menschen umzugehen. Andererseits wird der ungehemmte Emotionsausdruck der Tochter in ihr Neidgefühle wecken. Hierin steckt dann auch das Entwicklungspotenzial der Mutter. Denn es gibt nicht nur eine Abnabelung von den Eltern sondern umgekehrt auch eine der Eltern von den Kindern.

Neben dem individuellen Schatten ist auch noch der Generations- und Gesellschaftsschatten von Belang für die Abnabelung von den Eltern. Dieser findet über die Abkehr von den generellen Werten der Elterngeneration statt.

Mehr über das Thema Schatten erfährst du auch in einem Interview, das ich der Seite myMONK.de gegeben habe: Schattenarbeit-Interview mit Andreas Gauger

Adoleszenz

Die Adoleszenz (das Erwachsenenalter) ist der nächste Schritt bei der Abnabelung von den Eltern. Spätestens jetzt ziehen wir aus unserem Elternhaus aus. Die Kinder werden flügge. Viele gehen jetzt ins Studium oder beginnen eine Ausbildung. Oft nutzen wir besonders in den ersten Jahren der Adoleszenz weiterhin die Unterstützung unserer Eltern, wenn diese beispielsweise helfen, unser Studium zu finanzieren oder etwas zur ersten Wohnungsausstattung beitragen.

Auch bei Problemen suchen manche weiterhin den Rat der Eltern. Wenige sind in dieser frühen Phase des Erwachsenwerdens schon wirklich erwachsen. Gleichzeitig schaffen wir uns unser eigenes kleines Reich. Wir beginnen uns ein eigenes Leben aufzubauen. Erlernen einen Beruf, kaufen eine Wohnung oder gründen eine eigene Familie. Hier wird die Abnabelung von den Eltern besonders spürbar.

Vor allem dann, wenn wir selbst Kinder bekommen, verändert sich häufig der Blick auf die Elternrolle unserer Eltern. Vieles relativiert sich, wenn wir feststellen, dass auch wir nicht immer alles richtig machen. Anderes mag den Graben noch weiter vertiefen, wenn uns im Umgang mit unseren Kindern gelingt, was unsere Eltern bei uns nicht vermochten.

Auch die eigenen Eltern in der Rolle der Großeltern zu sehen bietet viel Zündstoff aber auch Versöhnungspotenzial bei der weiteren Abnabelung von den Eltern. Viele werden neidisch, wenn sie sich an das Verhalten ihrer Eltern in der eigenen Kindheit erinnern und dann sehen, wie sie mit den Enkel scheinbar viel liebevoller umgehen. Andere versöhnt es, eine neue Seite an den Eltern zu entdecken. Diese selbst haben sich ja oft auch weiterentwickelt und sind an der Auseinandersetzung mit uns gereift.

Alternde und sterbende Eltern

Im Alter kehrt sich das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern häufig um. Die Eltern werden unselbstständiger, oft pflegebedürftig. Sie sind jetzt auf die Kinder angewiesen anstatt umgekehrt. Hier schließt sich häufig ein Kreis im Leben. Viele berührt es, ihre Eltern so zu sehen und diese Phase birgt ein großes Heilungspotenzial für beide Seiten. Man kann sich noch einmal neu kennenlernen und die Vergangenheit gemeinsam neu betrachten.

Ist zu viel vorgefallen, kann es jedoch auch enorm schwer fallen, sich um die Eltern zu kümmern. Nicht wenige Väter oder Mütter werden im Alter dement, was besondere Herausforderungen aber auch Chancen bietet. Viele Demente werden aggressiv, da die natürliche Impulskontrolle nicht mehr funktioniert. Große Opfer für die Pflege eines Elternteils zu bringen, das einen vielleicht nicht mal mehr erkennt, sich undankbar zeigt und einen vielleicht sogar beschimpft, ist für viele eine schwere Aufgabe.

Dennoch finden nicht wenige, die im Leben davor keinen richtigen Zugang zueinander hatten, nun eine neue Art der Verständigung. Diese ist meist viel unmittelbarer und findet mehr im aktuellen Augenblick statt. Oft steht dabei die nonverbale Kommunikation im Vordergrund. Man verständigt sich eher über die Augen, Gesten, Mimik und Berührungen.

Was bis zum Tod der Eltern nicht bewältigt wurde, bekommt ein noch größeres Gewicht, wenn sie von uns gehen. Auch wenn wir längst ein eigenes Leben haben, fühlen wir uns dann häufig verloren und allein in der Welt. Ungelöste Konflikte mit unseren Eltern bekommen neuen Auftrieb. Wir bereuen das Gute, das wir nicht und das Schlechte, das wir gesagt und getan haben.

Mit dem Tod der Eltern beginnt die letzte Phase der Abnabelung. Hier bekommt häufig nochmal Auftrieb, was vielleicht schon Jahre in uns brach lag. Wir werden danach nicht mehr dieselben sein. Vieles hängt davon ab, ob wir in einem Sterbeprozess die Gelegenheit hatten, Ungeklärtes zu klären oder unsere Eltern ohne diese Gelegenheit plötzlich von uns gegangen sind. In der endgültigen Abnabelung von den Eltern ist dies oft die schwierigste Phase.

Was die Abnabelung von den Eltern erschwert

Der Prozess der natürlichen Abnabelung von den Eltern ist recht störungsanfällig. Die Beziehungserfahrungen, die wir mit unseren Eltern besonders in der Kindheit machen, prägen uns nachhaltig. Je nachdem, wie das Verhältnis in den verschiedenen Entwicklungsphasen unserer Persönlichkeit war und wie wir diese bewertet haben, entwickeln wir unterschiedliche "Elternkomplexe", die unser Leben bis heute beeinflussen.

Das gilt selbst dann, wenn wir kaum noch an unsere Eltern denken oder keinen Kontakt mit ihnen haben. Unsere frühen Beziehungserfahrungen haben ihren Abdruck in unserer Seele hinterlassen und der ist bis heute in unserer Art zu denken, unseren emotionalen Reaktionen, unserem Selbstbild und den Entscheidungen, die wir heute treffen, sichtbar.

Wie wir unsere Eltern erlebt haben beeinflusst auch in starkem Maße, wie wir mit unseren eigenen Kindern umgehen, denn in unserem Episodengedächtnis haben wir nicht nur unser eigenes Erleben sondern auch das Verhalten unserer Eltern als Rollenvorbild und mögliches Handlungsmodell abgespeichert, auf das unser Unterbewusstsein in bestimmten Situationen zugreifen kann. Meist dann, wenn unsere bewusste Kontrolle durch äußere oder innere Faktoren geschwächt ist.

Diese Prägungen aufzuarbeiten kann uns helfen, unsere gemeinsame Vergangenheit in einem anderen Licht zu sehen. Oft verbessert sich dadurch auch das Verhältnis zu unseren Eltern oder wir können zumindest gelassener mit ihnen umgehen.

Auch unser Selbstbild kann sich durch diese Aufarbeitung positiv verändern. Vor allem jedoch werden wir emotional frei in unseren Handlungen und Entscheidungen. Wir werden "unser eigener Mensch".

Elternkomplexe: Wie unsere Kindheitserfahrungen unser Leben prägen

Unsere Erlebnisse mit den Eltern sind tief in uns verwurzelt. Sie bilden ein Modell der Beziehungsgestaltung, auf das wir auch heute noch zurückgreifen.

Unser inneres Kind lebt noch mit den Eltern unserer Kindheit zusammen in uns. Die Einschärfungen, Lektionen und Ermahnungen unserer Eltern wirken bis heute nach. Egal, ob wir sie angenommen oder gegen sie rebelliert haben. Sie bilden zu einem nicht unerheblichen Teil die Begrenzungslinien des Spielfelds, in dem sich unser Leben auch heute bewegt.

Damit die Abnabelung von den Eltern gelingt, müssen wir uns die eigenen Elternkomplexe bewusst machen und uns von ihnen lösen. Das bedeutet keineswegs, dass wir uns gegen sie oder von ihnen abwenden müssen. Im Gegenteil. Viele erleben, dass sie anschließend mit den Eltern viel freier umgehen können, als zuvor. In jedem Fall aber beginnen wir so, unser eigenes Leben zu leben. Nach unseren Maßstäben. Authentisch. Selbstbestimmt. Frei.

Wenn du hier tiefer einsteigen möchtest, lies meinen auf myMONK.de erschienenen Artikel Wie Deine innere Eltern Dich gefangen halten und wie Du Dich endlich befreien kannst.

Abnabelung von den Eltern: Was sind Elternkomplexe?

Das Wort 'Komplexe' hast du sicher schon mal gehört. Wenn es einen jungen Mann immer wieder zu älteren Frauen hinzieht, sagen wir, er hätte halt einen Mutterkomplex. Wenn eine erwachsene Frau immer noch unter allen Umständen versucht, ihrem Vater zu gefallen, hat sie einen Vaterkomplex.

Das kann zwar grundlegend richtig sein, in Wahrheit hat uns die Kenntnis der verschiedenen Komplexformen und ihrer Wechselwirkungen jedoch weitaus mehr zu bieten, als bloße Etikettierungen von Verhaltensstereotypen.

Verena Kast*

Komplexe sind spezifische Konstellationen von Erinnerungen aus verdichteten Erfahrungen und Phantasien, um ein ähnliches Grundthema geordnet und mit einer starken Emotion besetzt. Wird dieses Grundthema im Leben berührt oder der zugehörige Affekt, reagieren wir komplexhaft, das heißt, wir sehen und deuten die Situation im Sinne des Komplexes, werden emotional und wehren in stereotyper Weise ab, wie wir es schon immer getan haben. Für den Beziehungsbereich heißt das, dass das gegenseitige Verstehen in einer solchen Situation zunächst unterbrochen ist.

Wie aus dem Zitat von Verena Kast deutlich wird, handelt es sich bei Komplexen um Kernthemen, die uns geprägt haben. Dabei speichern wir nicht direkt die einzelne Erfahrung ab, sondern das dahinter stehende Muster und die zugehörigen Emotionen.

Diese werden – etwas vereinfacht dargestellt – in unserem Episodengedächtnis (nach Tulving) abgebildet. Haben wir beispielsweise wiederholt Schelte für schlechte Leistungen erhalten, so bildet sich mit einiger Sicherheit ein Komplex um dieses Thema herum. Später aktivieren dann ähnliche Auslösereize (Trigger) den zugehörigen Komplex und die ganze Schallplatte läuft als gespeicherte Reiz-Reaktions-Kette von selbst ab. Immer wieder. Damit werden wir den berühmten Pawlow’schen Hunden ganz ähnlich.

Reagieren wir aus einem aktivierten Komplex heraus, verlieren wir den Kontakt mit dem Hier und Jetzt und sehen die Welt gefiltert durch die Erfahrungen unserer Vergangenheit.

Gab es bei einer Mathe 6 in der Schule regelmäßig einen Satz heiße Ohren oder drohte Liebesentzug (häufig noch schlimmer), so kann trotz hervorragender Leistungen heute das bevorstehende Bewerbungsgespräch den alten Komplex aktivieren. Das geschieht häufig auch in Situationen, die oberflächlich betrachtet nichts mehr mit der Ursprungssituation zu tun haben.

Natürlich können Komplexe jederzeit im Laufe unseres Lebens entstehen. Aus verständlichen Gründen sind wir jedoch als Kinder besonders empfänglich dafür. Kinderzeit ist Prägezeit! Und es gibt auch nicht nur Elternkomplexe sondern ebenso Geschwisterkomplexe, usw.

Beginnt man nun im Rahmen der Abnabelung von den Eltern die entsprechenden Komplexe aufzulösen, so wird das Lebensgefühl reicher, unser Selbstbild echter, unsere Welt farbenfroher. Wir entwickeln uns zu emotional reifen Erwachsenen, die ihre Entscheidungen auf der Basis eigener Werte treffen, anstatt aufgrund alter übernommener Prägungen.

Dabei kann es durchaus sein, dass wir auch nach der Auflösung unserer Komplexe viele Entscheidungen weiterhin ganz ähnlich wie vorher treffen. Doch dann tun wir es als freier Mensch, der die Führung in seinem Leben übernommen hat. Komplexe der Vergangenheit aufzulösen bedeutet also immer auch, eine fähigere Führungskraft im eigenen Leben zu werden.

Dadurch ändert sich nicht nur unser Bild der Vergangenheit und unsere emotionale Reaktion auf bestimmte Themen; unser Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen und unsere emotionale Grundstimmung heben sich ebenso. Viel wichtiger ist noch, dass unsere Erwartungshaltung auf die Zukunft mit jedem hinter uns gelassenen Komplex weiter, offener und freier wird. Wer Komplexe hinter sich lässt, segelt einem Horizont neuer Möglichkeiten entgegen, um wirklich sein eigenes Leben zu leben.

Ram Das

Wenn Du Dich für so erleuchtet hältst, geh und verbringe eine Woche mit Deinen Eltern.

Nicht gelöste Elternkomplexe haben hingegen gravierende Auswirkungen auf das Gelingen der Abnabelung von den Eltern. Sie reichen in alle Bereiche unseres Lebens hinein. Angefangen von der Berufswahl, dem Umgang mit Schwierigkeiten, der Partnerwahl, der Beziehungsgestaltung zu unseren Mitmenschen, bis hin zum Umgang mit den eigenen Kindern.

Höre dir hier die zugehörige Podcast-Folge an:

Es gibt kaum etwas in unserem Leben, das durch unsere ungelösten Elternkomplexe nicht beeinflusst wird. Dies gilt auch und besonders für die Fälle, in denen wir rebellieren wollten. „Bloß nicht so werden, wie Mama oder Papa.“ Selbst das genaue Gegenteil von dem zu tun, was die Eltern vorgelebt haben, wird durch die Elternkomplexe bestimmt. Freiheit geht anders.

Manchmal erleben wir, dass wir uns unwillkürlich genauso wie unsere Eltern verhalten, obwohl wir uns einmal geschworen hatten, niemals so zu werden wie sie. Als Kinder verinnerlichen wir das, was uns die Eltern vorgelebt haben und bilden es in unserem Episodengedächtnis ab. Selbst dann, wenn wir ihr Verhalten zutiefst ablehnen, wird es in unserem Unterbewusstsein als Modell für Verhaltensoptionen abgelegt, auf das in bestimmten Kontexten zurückgegriffen werden kann.

Dann erwischen sich zum Beispiel liebende Eltern, die als Kind selbst geschlagen wurden und sich geschworen hatten, dass ihnen sowas mit ihren eigenen Kindern niemals geschehen würde dabei, wie ihnen angesichts einer unverschämten Bemerkung ihres Sprösslings die Hand ausrutscht. Üblicherweise begleitet von massivsten Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen.

In ungelösten Elternkomplexen finden sich auch die Ursachen für so manche gescheiterte Beziehung. Steht beispielsweise die Frau im Bann eines ursprünglich positiven Vaterkomplexes, so ist der entsprechende Platz in ihrem Herzen schon belegt. Selbst der tollste Traumprinz hat dann keine Chance, gegen den „inneren“ Vater seiner Frau anzukommen. Er wird nie als ebenbürtig empfunden, solange der Einfluss des ursprünglich positiven Vaterkomplexes besteht.

Für eine gelungene Abnabelung von den Eltern ist die Auseinandersetzung mit den eigenen Elternkomplexen essenziell. Es führt kein Weg daran vorbei. Doch es lohnt sich. Eine Klientin hat es hinterher einmal so beschrieben:

„Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, wirklich klar zu sehen. Die Filter sind weg und ich sehe: mich!“

Um Elternkomplexe sichtbar zu machen und zu überwinden, gibt es verschiedene sehr effektive Möglichkeiten. Dazu zählen Varianten der Arbeit mit dem inneren Kind, Verfahren aus dem Bereich der Persönlichkeitsteilepsychologie, ROMPC® und weitere. Im Life-Coaching mit meinen Klienten nutze ich einen Prozess, den ich Aussöhnung mit der inneren Familie nenne und der eine Art Synthese der effektivsten mir bekannten Methoden darstellt.

Abnabelung von den Eltern: Keine Abkürzungen

Wichtig ist mir noch zu erwähnen, dass bei der erfolgreichen Abnabelung von den Eltern keine Stufe übersprungen werden kann. Viele Menschen möchten gerne ans Ziel, ohne den Weg dorthin zu beschreiten.

Das ist beispielsweise der Fall, wenn jemand einen unbewältigten positiven Mutterkomplex hat und als Erwachsener versucht, spirituelle Erleuchtung zu erlangen, ohne zuvor die materiellen Stufen seines Lebens gemeistert zu haben. In dem Fall wird die spirituelle Suche zur Realitätsflucht und wird von keinem irdischen Fundament getragen.

Möchte jemand ein wahrhaft spirituelles Leben führen, so muss er die Leiter Stufe um Stufe erklimmen. Alles andere wäre, als wollte man das Studium abschließen, bevor man überhaupt die Grundschule gemeistert hat.

Episodengedächtnis: Warum wir uns oft wie unsere Eltern verhalten, selbst wenn wir das gar nicht wollen

Warum wir uns später häufig wie unsere Eltern verhalten, auch wenn wir das gar nicht wollen, dafür liefern die Forschungen des kanadischen Psychologen Endel Tulving zum Episodengedächtnis wertvollen Hinweise.

Zusammengefasst und vereinfacht ausgedrückt speichern wir bei einer komplexhaften Erfahrung zum Einen unser eigenes Erleben des Geschehens ab - also unsere Erfahrung aus der Sicht des Kindes, das dies erlebt hat. Darüber hinaus verinnerlichen wir jedoch auch das Verhalten der an der entsprechenden Erfahrung beteiligten anderen Akteure als Handlungsmodell ab. Auf dieses Handlungsmodell kann unser Gehirn dann später als "Lösungsversuch" für vergleichbare Situationen zurückgreifen.

Wir haben in unserem Episodengedächtnis also nicht nur gespeichert, wie Vater uns verprügelt hat sondern auch den prügelnden Vater selbst. Sind unsere Kontrollmechanismen schwach, kann es passieren, dass unser Gehirn später in einer vergleichbaren Situation mit unseren eigenen Kindern das Handlungsmodell (Schlagen als Erziehungsmethode) reaktiviert und sich nicht mit der Opferenergie unseres Kindes sondern mit der Täterenergie des Vaters verbindet, um das aktuelle Problem (ungezogenes Kind) zu lösen.

So etwas geschieht natürlich meist unbewusst und im Affekt. Kommen die betroffenen dann "wieder zu Bewusstsein" sind sie oft schockiert darüber, wie ihnen so etwas passieren konnte, da sie sich doch geschworen hatten, dass sie alles besser machen würden. Verständlich, dass in solch einem Fall die Erkenntnis, anscheinend "auch nicht besser als der Vater" zu sein, einen Menschen in eine tiefe Krise stürzen kann.

Solange unsere Elternkomplexe in uns aktiv sind, führt unser inneres Kind nach wie vor denselben alten Tanz mit unseren inneren Eltern auf, wie schon in unserer Kindheit. Selbst wenn wir nicht gefährdet sind, unsere Kinder zu schlagen, so halten uns diese alten Komplexthemen jedoch stärker gefangen, als vielen bewusst ist.

Höre Dir hier die dazugehörige Podcast-Folge an:

Wie die Abnabelung von den Eltern gelingt

Was für eine gelungene Abnabelung von den Eltern nötig ist, liegt immer im Besonderen des Einzelfalls. Keine zwei Wege der Abnabelung sind verlaufen gleich. Dennoch gibt es dabei archetypische Stationen, die für alle gelten.

Eine der wichtigsten darunter liegt darin, jeglichen inneren Anspruch an unsere Eltern loszulassen. Nichts erschwert die Abnabelung von ihnen mehr, als der Gedanke, sie würden uns etwas schulden oder hätten uns etwas vorenthalten. Dazu gehört auch die Hoffnung fallen zu lassen, vielleicht doch noch nachträglich zu einer glücklichen Kindheit zu kommen, wenn wir es schaffen, heute endlich die Zustimmung unserer Eltern oder eine Entschuldigung für ihr Fehlverhalten zu bekommen.

Fazit

Obwohl ich mich hier der notwendigen Kürze eines Blogartikels geschuldet nur ein paar wesentliche Stationen auf dem Prozess der Abnabelung von den Eltern andeuten konnte, ist hoffentlich deutlich geworden, dass diese Ablöseprozesse hoch komplex und alles andere als einfach sind.

Umso störanfälliger wird die ganze Sache natürlich, wenn das Verhältnis zu Mutter oder Vater in irgendeiner Form belastet war und sich Elternkomplexe ausgebildet haben, die sich hemmend auf unsere weitere Entwicklung auswirken. Doch es gibt Wege, sie gelingen zu lassen und mit offenem Blick in die eigene freiere Zukunft zu sehen.

Höre Dir hier die zugehörige Podcast-Folge an:

Um hier noch tiefer einzusteigen, lies mein Buch über die unterschiedlichen Elterntypen und wie man sich jeweils erfolgreich von ihnen abnabelt. Du findest darin jede Menge Hintergrundwissen und effektive Übungen:

Ich geh dann mal meinen eigenen Weg - Wie die Erwartungen unserer Eltern unser Leben bestimmen und wie wir uns davon befreien

Gauger, Andreas
ICH GEH DANN MAL MEINEN EIGENEN WEG - Wie die Erwartungen unserer Eltern unser Leben bestimmen und wie wir uns davon befreien

Mit umfangreichem Übungsteil

Taschenbuch (240 S.)
16,99 €


*Verena Kast, „Vater-Töchter Mutter-Söhne – Wege zur eigenen Identität aus Vater- und Mutterkomplexen“, KREUZ Verlag, 5. Auflage der Neuausgabe 2005, S. 36

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