Frieden schließen mit der Vergangenheit (ohne verzeihen zu müssen)

Loslassen: Frieden schließen mit der Vergangenheit – Jetzt und für immer (ohne verzeihen zu müssen)

Was wäre, wenn alles in Deinem Leben genau so passieren muss(te), damit Du in Zukunft zu dem Menschen werden kannst, der Du sein wirst?

Was, wenn alles im Universum genau so geschehen muss(te), damit es in Zukunft so werden kann, wie es sein wird?

Und was, wenn ausnahmslos alle Ereignisse sich gemeinsam auf einen Punkt in der Zukunft hin entwickeln, an dem alles vollendet ist?

Sind zugegebenermaßen keine neuen Gedanken. Damit hat sich vor ca. 2.400 Jahren schon der große Aristoteles auseinandergesetzt und nannte seine Überlegungen hierzu „Causa finalis“. Kann man am besten mit Zweckursache übersetzen.

In der Religionslehre bekannt als Eschatologie, die Lehre von den letzten Dingen. Eine auf Erlösung in der Zukunft gerichtete Theologie, die davon ausgeht, dass am Ende alles gut wird und alles, was vorher kommt, nur Mittel zum Zweck ist.

Der Grundgedanke ist derselbe.

Das Ergebnis liegt in der Zukunft und steht fest. Alle Dinge entfalten sich im Hinblick darauf. Sie müssen auf genau diese Weise geschehen, damit am Ende alles gut wird.

Eine unendlich komplexe Kette aus Ursachen und Wirkungen, bei der jede Wirkung wieder eine neue Ursache für neue Wirkungen ist.

Ob es sich wirklich so verhält? Keine Ahnung.

Eines weiß ich aber aus eigener Erfahrung: der Gedanke, dass alles genau so passieren muss(te), damit am Ende alles gut wird, kann enorm hilfreich sein. Er kann uns darin unterstützen, mit erfahrenem Leid und kaum erträglichen Schicksalsschlägen besser umzugehen, weil er sie in einen größeren Sinn-Zusammenhang stellt.

Wie gesagt: eine Glaubensfrage.

Bei Glaubenssätzen halte ich es allgemein so: wenn ich nicht wissen kann, ob etwas wahr ist, interessiert mich nur, ob es nützlich ist, daran zu glauben. In diesem Fall ist es das für mich definitiv.

Dr. Hirschhausen sagt „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“. Wir übrigens auch.

Und im Buch „Gespräche mit Gott*“ heißt es in diesem Zusammenhang:

Beneidet nicht den Erfolg, bemitleidet nicht den Misserfolg, denn ihr wisst nicht, was nach dem Ermessen der Seele ein Erfolg oder Misserfolg ist. Nennt ein Ding nicht Unglück oder freudiges Ereignis, solange ihr nicht entschieden oder beobachtet habt, wie es genutzt wird. Denn ist ein Tod ein Unglück, wenn er tausende von Leben rettet? Und ist ein Leben ein freudiges Ereignis, wenn es nichts als Kummer und Leid verursacht hat?

Das kann ich so unterschreiben. Ich erinnere mich gut an eine eindrückliche Situation aus meinem „früheren“ Leben. Ich war Anfang Zwanzig, vollkommen grün hinter den Ohren und hatte keine Ahnung von gar nichts. Davon aber richtig viel.

Zusammen mit einem älteren Geschäftspartner hatte ich damals eine kleine Firma. Einmal ist uns ein großer Auftrag in letzter Sekunde durch die Lappen gegangen.

Ich hatte mich blöderweise vorher vor meinem geistigen Auge schon mit meinem neuen Porsche über den Citiyring flanieren und mächtig angeben sehen. Vor allem wollte ich es all denen, die immer gesagt haben „Gauger, aus dir wird nix“, damit so richtig geben.

Meine Ernüchterung kannst Du Dir ausmalen. Vor allem, weil die blöden Miesmacher scheinbar recht hatten. Als mein damaliger Geschäftspartner meinen Frust mitbekam, nahm er mich beiseite und gab in seinem schwäbischen Dialekt folgende Weisheit zum Besten:

„Ich will dir mal was übers Leben erzählen, Junge. Stell dir mal vor, der Deal hätte geklappt, ich hätte mir von der Kohle endlich mein kleines Motorboot gekauft, wäre damit stolz wie Oskar mit meiner Familie losgeschippert und dabei wäre mein Sohn über Bord gegangen und ertrunken. Wie sehr würde ich mir wohl wünschen, dass dieser Scheiß-Deal, mit dem ich die Kohle für das Boot verdient habe, nie zustande gekommen wäre? Kannst DU denn wissen, was dir erspart geblieben ist?“

Für diese Sätze bin ich ihm bis heute dankbar. Sie haben mir den Kopf zurechtgerückt und das hatte ich damals dringend nötig.

Die Wahrheit ist:

Wir hätten viele Narben nicht, wäre unser Leben anders verlaufen. Wahr ist aber auch: Wir hätten viele unserer positiven Eigenschaften nicht, die wir lieb gewonnen haben und die unser Identitätsgefühl ausmachen.

Bei einem befreundeten Trainerkollegen aus den USA habe ich erstmals eine Methode kennengelernt, die er Effective Blaming nennt. Wir könnten das frei mit „wirksame Schuldzuweisung“ übersetzen.

Ja, das Leben hat uns manchmal übel mitgespielt. Ja, die anderen haben uns gemobbt. Ja, unsere Eltern haben uns nicht immer gut behandelt. Oder was auch immer auf Dich zutrifft.

Aber haben wir nicht gerade dadurch, dass wir uns mit diesen Umständen auseinandersetzen mussten, einige unserer wertvollsten Eigenschaften entwickelt?

Bevor Du vorschnell nein sagst, denk‘ ein wenig drüber nach. Ich bin in meinem Fall auch nicht gleich drauf gekommen. Vor allem, weil mir damals der Gedanke, stolz auf einige meiner Eigenschaften zu sein, ziemlich fremd war.

Mein viel zu früh verstorbener Opa Erich ist seinerzeit zur See gefahren. Er hatte so einen Spruch:

„Die seichte See hat noch keinen tüchtigen Seemann hervorgebracht.“

Weiser, lieber, kluger Opi Erich – Du fehlst mir. Und Du hattest so recht. In den Stürmen unseres Lebens werden wir zu denen, die wir heute sind.

Beim Effective Blaming geht es darum, aus der Ankläger-Rolle auszusteigen.

Wenn uns jemand übel mitgespielt hat, bleiben wir häufig durch unser ungesühntes Leid an ihn gebunden – gefangen in unserer destruktiven Sicht der Dinge. Natürlich haben wir nicht unrecht damit. Man hat uns ja wirklich etwas angetan.

Ich frage mich nur: Ist das für sich genommen nicht schon schlimm genug?

Wollen wir nicht lieber alles tun, um dieses Leid nicht noch weiter in die Zukunft zu verlängern, anstatt Gefangene unserer eigenen Geschichte zu bleiben? Weil es endlich auch mal gut sein muss? Weil wir wirklich genug gelitten haben?

Mein Trainerkollege lädt Klienten, die sich in der Ankläger-Rolle verfangen haben, zu folgender Übung ein:

Zunächst sollen sie alle ihre üblichen und sehr berechtigten Vorwürfe bringen, als würden sie sie der entsprechenden Person direkt ins Gesicht sagen. Das ganze altbekannte Tonband.

Beispiel:

 „Ich werfe dir vor, dass du nie für mich da warst, nie erreichbar für mich warst. Eigentlich hatte ich nie einen Vater. Du warst immer nur mit deiner Arbeit beschäftigt, hast mir nie Aufmerksamkeit und Liebe gegeben. Usw.“

Danach soll der Klient denjenigen genauso inbrünstig für all die guten Folgen, die daraus entstanden sind, anklagen.

Beispiel:

„Ich werfe dir vor, dass ich nie so eine Kämpferin geworden wäre, wenn Du Dich mir gegenüber nicht so mies verhalten hättest. Alles nur, weil ich immer wollte, dass du stolz auf mich bist. Ich hätte mir nie so den Ar… aufgerissen, wenn du mir mehr Liebe geschenkt hättest.

Ich werfe dir vor, dass meine Kinder aufs College gehen können und nicht bei McDonald’s jobben müssen, weil ich mich so sehr angestrengt habe, Dich zu beeindrucken und Karriere zu machen, dass ich heute durch meinen Erfolg genug Kohle habe, um ihnen das Studium zu finanzieren.

Ich werfe dir vor, dass ich mit meinen Kindern ein ausgesprochen liebevolles Verhältnis pflege, weil ich mir geschworen habe, dass es ihnen mit mir nicht so ergehen soll, wie mir damals mit dir!“

Effekt? Wir sind gezwungen, vieles in unserem Leben zu überdenken und neu zu bewerten. Reframen, wie der Coaching-Facharbeiter sagen würde. Dabei soll keineswegs erfahrenes Unrecht billig entschuldigt werden. Das alles hat nichts mit dem anderen zu tun.

Es geht darum, aus den Geschichten auszusteigen, die uns gefangen halten. Denn die Geschichten, die wir uns und anderen über unser Leben erzählen, bestimmen die Richtung, in die es verläuft.

Um es mit Oscar Wilde zusammenzufassen: Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

Nach allem Gesagten: Welche Situationen Deines Lebens gehören neu bewertet? Welche Deiner alten Geschichten sollten umgeschrieben werden, weil sie Dich schon viel zu lange einschränken und binden?

Für welche positiven Folgen gehören die Täter in Deiner Lebensgeschichte wirksam angeklagt?

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*Neale Donald Walsch, „Gespräche mit Gott – Ein ungewöhnlicher Dialog Band 1“, S. 62, 6. Auflage November 2006, Wilhelm Goldmann Verlag, München

6 KOMMENTARE

  1. Sorry, aber für mich hört sich diese Methode so an, als sollte ich mich beim Täter bedanken. Die positiven Eigenschaften, die ICH mir erarbeitet habe, sind also nicht mein Verdienst, sondern das habe ich dem Täter zu verdanken? Alles was mich heute ausmacht ist sein schönes Werk? Dieser Gedanke macht mich krank.

    • Könnte man leicht denken, ja. Tatsächlich geht es jedoch auf keinen Fall darum, dem Täter den Verdienst für das Gute, das daraus entstanden ist, zuzuschreiben. Dieser Verdienst kann nur bei einem selbst liegen, denn man selbst war es ja, der aus dem Schlechten das Gute gemacht hat. Die Übung erkennt lediglich an, dass der Täter nicht verhindern konnte, dass aus seinen schlechten Taten durch das, was man selbst daraus gemacht hat, Gutes entstanden ist. Das „Danke“, das hier wahrscheinlich irritiert, kann durchaus eine ironische Note haben. Wenn man die Übung richtig anwendet, verschiebt sich dadurch der Fokus von dem, was einem angetan wurde hin zu dem Guten, das man selbst daraus gemacht hat. Es kann ein möglicher Weg sein, den Fokus zu verschieben auf die eigenen Errungenschaften in der Auseinandersetzung mit dem Schlechten, das einem angetan wurde, wenn man das möchte und stabil genug dafür ist.

  2. Annegret Berger

    Schön den Weg durch’s Leben so sehen, Resourcen als Quelle der Kraft! Womit ich noch nicht so ganz im Frieden bin, ist die Annahme, dass das Ziel eines jeden Lebensweges schon festgeschrieben sei….

    • Im Sinne dieses Artikels bezieht sich das festgeschriebene Ziel nicht auf den Lebensweg einer Inkarnation sondern über den Weg von allem über für uns unvorstellbare Zeiträume und nach unserem Verständnis unzählige Inkarnationen hinweg. Auf diesem Weg ist jedes Leben nur ein klitzekleiner Teilabschnitt.

  3. Was für ein weiser Großvater! 🙂 Wie schön, dass Sie so jemanden hatten.
    „… und wenn etwas noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.“
    Habe ich mal in einem Film gehört und finde es heute toll. Klingt wie eine Art Grundvertrauen ins Leben. Dabei bin ich jetzt angelangt und freue mich, diese Ihre Zeilen zu lesen.
    Denn bei mir war da .nun Jahrzehnte bemüht, bemüht, bemüht… ohne auch nur einen Erfolg, zumindest von dem, was ich mir gewünscht hatte und das waren „normale Dinge“. Bin dadurch allerdings derart unabhängig geworden, weil so viel dadurch an Wissen und Fertigkeiten angeeignet, wie ich es bei anderen (in Summe) selten erlebe. Ich fühle mich selten hilflos.
    Nur wächst dadurch, und mit zunehmendem Alter, die Angst, es mal zu sein schon bald ins zu Große. Ich habe fast das Gefühl, ich soll nun aufhören zu Machen, das,was ist genießen und…. vertrauen?
    Der Artikel hat mir gut getan, danke.

  4. Genau so ist es! Ich hätte heute nie die Kraft alleine mit meinen Kindern das Leben zu meistern! 21 Jahren einen schwachen Partner an meiner Seite haben mich zu einer starken Frau gemacht, die es mit den Kids nun alleine schafft!

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