Die Schatten regieren – und werden sichtbar

Die Schatten kommen an die Oberfläche und werden sichtbar

Die Schatten tanzen Polka in diesen Tagen - und werden sichtbar. Spannende Zeit, oder? Weltweiter Ausnahmezustand. Panische Angst vor einem "Killer-Virus" oder der Unterjochung der Menschheit durch verborgene Eliten. Leute drehen durch, misstrauen einander. Brüllen sich an, doch gefälligst Abstand zu halten. Sind gespalten wie selten zuvor.

Die einen befürchten eine gesundheitliche Katastrophe, die anderen eine neue Weltordnung im Sinne George Orwells*. Freundschaften zerbrechen. Kinder sind nicht mehr länger Kinder sondern potenzielle Virenschleudern. Spielplätze: abgesperrt wie Tatorte. Nachbarn zeigen Nachbarn an, weil da ein "verdächtiges Auto" mit ortsfremdem Kennzeichen vor der Tür parkt. Menschen werfen sich gegenseitig vor, sich antisozial und unsolidarisch zu verhalten oder nicht zu sehen, was wirklich abläuft. Je nachdem. Schwer zu erkennen, wer Freund und wer Feind ist, unter all den Masken.

Schattendefinition

Der Schatten ist nach C. G. Jung jener Anteil unserer Psyche, den wir nicht sehen wollen und können. Was Schatten ist, wird ins Unbewusste verdrängt und auf andere projiziert, um es dort abzuwehren. Dem Schatten gegenüber steht die Persona. Jene gesellschaftliche Maske, die wir uns überstülpen. An diese Version von uns wollen wir glauben und sollen die anderen glauben. Beide, sowohl Persona als auch Schatten, bilden uns nur teilweise ab.

Je mehr wir in unsere Persona investieren, desto stärker verdichtet sich unser Schatten. Wenn wir nur die guten Seiten an uns und in der Welt sehen wollen, wird alles andere, das ebenfalls da ist, schattenhaft. Umgekehrt genauso. Es ist keineswegs verschwunden. Es wird zu den Strömungen unterhalb der Oberfläche, die bestimmen, in welche Richtung sich unser Eisberg bewegt. Es kommt immer wieder zu Schattendurchbrüchen.

Die Schattenseite der Lichtmenschen

Ein guter Mensch sein zu wollen macht niemanden zu einem schlechten Menschen. Es ist nichts verkehrt daran, hohe ethische Werte zu haben und altruistisch zu leben. Ganz im Gegenteil. Ich versuche mich selbst wenn möglich - und das gelingt mir bei weitem nicht immer - in einem angemessenen Rahmen an diesem Ideal zu orientieren.

Es gibt jedoch einen großen Unterschied zwischen einem guten Menschen (gemeint ist hier kein Urteil über den Wert des Menschen sondern ein Mensch, der bestrebt ist, ethisch Gutes zu tun) und einem gutgläubigen Menschen. Wer nur das Gute in sich und anderen sehen möchte, übersieht das Schlechte, das ebenso da ist. Wer sich nicht vorstellen kann, dass Menschen aus bösen Motiven handeln, wird zur leichten Beute für jene, die Übles im Sinn haben. Ebenso wie jemand, der die Menschen ausschließlich für verderbt und durchtrieben hält, schnell übersieht, wenn jemand es wirklich gut mit ihm meint.

Klarheit ist nie in einer begrenzten Sichtweise zu finden, die ausschließlich das Eine oder das Andere gelten lässt, sondern nur in einem bewussten "Sowohl-als-auch". Gilt nicht nur für Schatten.

Aus Schatten kann Licht entstehen

Darüber hinaus gibt es die Ebene der Auswirkungen. Hier greifen Volksweisheiten wie "Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten". Andersherum können selbst Menschen, die nur Böses im Sinn haben, nicht verhindern, dass aus dem Bösen, das sie tun, Gutes entsteht. Auch wenn dies nicht ihre Absicht war. Oder um es mit Mephistopheles* zu sagen: "[Ich bin] ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft."

Hier liegt nach meiner Auffassung gerade eine der größten Chancen unserer Zeit. Zum Schatten gäbe es noch sehr viel mehr zu sagen. Doch in diesem Artikel möchte ich einen anderen Schwerpunkt setzen. Wenn du tiefer in das Thema Schatten einsteigen möchtest, ist vielleicht mein Interview auf der Seite myMonk.de interessant für dich: Schattenarbeit - Interview mit Andreas Gauger

Bewusstseinsentwicklung: Die 5 Phasen des Übergangs nach Clare Graves

Der geniale Bewusstseinsforscher Clare Graves und seine Nachfolger beschreiben in ihrem gleichermaßen komplexen wie wertvollen Modell "Spiral Dynamics" 5 Schritte auf dem Weg zu einem Werte-Mem-Wandel, also dem Übergang von einer vorherrschenden "Bewusstseinsstufe" zu einer anderen. Da dir der Begriff wahrscheinlich bisher noch nicht begegnet ist, lass ihn mich kurz erklären.

"[...] Meme [sind] in Bezug auf unsere 'psychologische DNA', was Gene in Bezug auf die biochemische DNA sind."

- Clare Graves* -

Werte-Meme steuern nicht nur unsere Wahrnehmung und Sichtweise der Welt, sie bestimmen die Inhalte und Dynamik unseres gesamten Denkens, Fühlens, Glaubens und Handelns. Sie betreffen ebenso das Individuum in seinem Alltag, wie Gesellschaften jeglicher Organisationsform. Diese Meme ordnen sich in verschiedenen Stufen an, die mit unterschiedlichen Farben codiert werden. Auf diese Stufen gehe ich hier nicht weiter ein, weil es den Rahmen sprengen würde.

Wichtig ist jedoch, dass ein Mensch sich in verschiedenen Lebensbereichen auf unterschiedlichen Stufen der Spirale befinden kann. Innerhalb einer jeden Stufe gibt es wiederum ein breites Spektrum, je nachdem, ob das Bewusstsein auf der entsprechenden Stufe gerade erst frisch erwacht ist oder seinen Zenit längst überschritten und sich so stark ausgedehnt hat, dass seine Schattenseiten immer offener zutage treten. Was für einzelne Menschen gilt, trifft für ganze Gesellschaften gleichermaßen zu.

"Ein Mem umfasst Verhaltensanweisungen, die von einer Generation an die nächste weitergegeben werden, soziale Artefakte und mit Werten aufgeladene Symbole, die soziale Systeme zusammenleimen. Ein Mem reproduziert sich wie ein intellektueller Virus in Konzepten wie Kleidermoden, sprachlichen Trends, Normen der Populärkultur, architektonischer Gestaltung, Kunstrichtungen, religiösen Äußerungsformen, sozialen Bewegungen, Wirtschaftsmodellen oder moralischen Aussagen über die richtige Lebensweise."*

Schauen wir uns die 5 Phasen des Werte-Mem-Wandels genauer an, um abzuschätzen, wo wir persönlich und kollektiv derzeit stehen.

1. Phase: Die Alpha-Übereinstimmung

Alpha stellt ein scheinbares Gleichgewicht dar. Die Anforderungen passen zu den Lebensbedingungen. Es treten keine größeren Probleme auf. Alles scheint okay, ein paar Schwierigkeiten gibt es natürlich auch hier, aber das gehört zum Leben dazu. Wir leben gut in unserer Welt.

Denk vielleicht an die Phase, als die Wirtschaft boomte, das Einkommen für alle reichte, es scheinbar endlosen Fortschritt gab und die Lebensbedingungen von Jahr zu Jahr besser wurden. Familien konnten sich plötzlich große Autos leisten, der Zugang zu Nahrung im Überfluss war - zumindest in den westlichen Ländern - fast selbstverständlich, von Klimaveränderungen keine Spur, die zunehmende Umweltverschmutzung durch unsere neue Lebensweise fiel noch nicht merklich ins Gewicht.

Das Problem mit Alpha ist, dass es stabil wirkt, aber nicht stabil ist. Alpha ist illusorisch und lullt uns in den wohligen Gedanken ein, dass es immer so weitergeht. Doch wenn es das täte, würden wir uns niemals weiterentwickeln. Alpha-Phasen sind, wie alle anderen auch, Durchgangsphasen. Auch dann, wenn sie sich Jahrzehnte lang halten können, während sie sich auf dem Spektrum von frisch erwacht bis überdehnt fortbewegen.

Auch wenn die Oberfläche des Sees ruhig wirkt, gibt es darunter Strömungen. Nichts ist nicht in Bewegung. Die Veränderungen, die Alpha früher oder später herausfordern, sind sowohl in der äußeren wie in der inneren Welt zu finden. Eine sich verändernde Umwelt schafft neue Bedingungen, ein erfolgreiches Leben kann Langeweile fördern oder neue Begehrlichkeiten wecken.

2. Phase: Der Beta-Zustand

In Beta regiert der Zweifel. Man merkt, dass irgendetwas schief läuft. Probleme nehmen zu. Spaltungen entstehen oder vergrößern sich. Uneinigkeit wächst. Die Schattenseiten des bisherigen Alpha treten nun deutlich erkennbar hervor. Der Stress nimmt zu. Die bisherige Lebensweise funktioniert nicht mehr richtig, das Neue ist noch nicht greifbar. Es ist ein Zustand zwischen den Stühlen, der eher gefühlt wird, als dass er sich bereits konkret greifen oder mit Worten exakt beschreiben ließe. Die kognitive Dissonanz, also die Uneinigkeit von Herz und Verstand, vergrößert sich zunehmend. Der Druck im Kessel steigt, ohne dass wir verstehen, was genau das Wasser darin erhitzt.

Coping-Strategien breiten sich aus. Wir versuchen, Stimmungsmanagement by Selbstmedikation zu betreiben. Da wir die Veränderungen zum Schlechten spüren, aber nicht wissen, wo wir den Hebel ansetzen sollen, entstehen Frustration und Ohnmachtsgefühle, die wir versuchen, durch Ablenkung, übermäßiges Essen, Alkohol und Ähnliches zu betäuben.

In dieser Phase neigen wir zu Lösungsversuchen aus der Schublade "Mehr vom Selben". Wir verstärken unsere bisherigen Anstrengungen im gleichen Schema. Wenn sich der rettende Lottogewinn bisher bei 100€ monatlichem Einsatz noch nicht einstellen wollte, spielen wir jetzt mit 200€, um unsere Chancen zu erhöhen. Damit verschlimmern wir in den meisten Fällen unsere Ausgangslage und eskalieren die aktuelle Entwicklung zusätzlich. Wir beschleunigen auf den Abgrund zu. In diese Phase gehört auch die "Sunk-Cost-Fallacy", die Falle mit den versunkenen Kosten. Hier mehr dazu: Warum wir uns nicht von sinkenden Schiffen retten

In der Anfangszeit von Beta versuchen wir, das bestehende Alpha zu verbessern. Wir denken immer noch im selben Schema und halten nach Detailverbesserungen Ausschau, anstatt das bisherige Paradigma in Frage zu stellen. Wir denken nicht "out of the box" sondern versuchen, bessere Plattenspieler herzustellen, wenn uns wegen der Erfindung des CD-Players die Schallplatten-Kunden weglaufen. Viele wünschen sich im ansteigenden Beta-Zustand die "guten alten Zeiten" zurück, die dann meist überidealisiert und deren Schattenseiten ausgeblendet werden.

3. Phase: Die Gamma-Falle

Gamma bedeutet Revolution und Umsturz des alten Paradigmas. Das kann relativ friedlich abgehen oder vollständig eskalieren. Die Gamma-Falle ist ein Sturz nach unten. Die Heftigkeit der Symptome erreicht Ausmaße, die nicht mehr zu leugnen sind und einschneidende Handlungen erfordern. Je tiefer wir in Gamma hinein fallen, als desto machtloser empfinden wir uns, auf die bedrohliche Situation Einfluss zu nehmen. Bei vielen schaltet sich hier das bewusste Denken ab. Wir reagieren digital. Unterscheiden nur zwischen Freund oder Feind, schwarz oder weiß und neigen zu Übersprungshandlungen und emotionalen Kurzschlüssen. Was in Beta noch Frustration war, kann während Gamma in puren Hass umschlagen, der eine verdammt kurze Zündschnur hat und sich schon bei unbedeutenden Anlässen und auch gegenüber unschuldigen Personen entladen kann.

Während man sich in Beta noch eine abwartende Haltung leisten konnte, schlägt diese in Gamma in die ungeduldige Forderung nach sofortigen radikalen Maßnahmen um. Schließlich ist Gefahr in Verzug. Aktionismus regiert. Not kennt kein Gebot, heißt es. Handlungen werden da schnell unreflektiert und kopflos. Das Bewusstsein für langfristige Auswirkungen, mit dem wir Menschen uns ohnehin schwer tun, ist fast völlig erloschen. Jetzt sind Akutmaßnahmen gefordert, die Zukunft kann warten. Wenn sich ein System erst einmal in Gamma befindet, kann es nicht mehr zum alten Alpha zurück. Nicht mehr heißt hier: nie wieder. Befindet man sich nicht nur im Gamma-Zustand sondern ist bereits in die Gamma-Falle getappt, so scheint die Lage ausweglos zu sein. Weder kann man zum alten Zustand zurück, noch ist klar, wohin man sich retten könnte.

Hier regredieren viele Menschen auf frühere Stufen ihrer Bewusstseinsentwicklung. Wirken wie wütende, frustrierte oder deprimierte Kinder. Versuchen verzweifelt, Stahlbeton mit einem Spielzeug-Bohrer zu bearbeiten. Die Gamma-Falle weckt primitive, rohe Überlebensinstinkte in uns. Menschen sind zu allem fähig, wenn Angst und Verzweiflung groß genug sind. Gamma lässt die Schatten tanzen. Im Einzelnen wie im Kollektiv. (Vielleicht, damit sie angeschaut und überwunden werden.)

Doch mit Gewalt und Kraftakten allein sind Gamma-Probleme nicht nachhaltig zu lösen. Je höher die Stufe auf der Spirale der Bewusstseinsentwicklung ist, desto weniger roh müssen (können aber trotzdem) die Rückfälle auf Lösungsversuche früherer Stufen ausfallen. Nicht jedes Gamma muss mit Gewalt und blutigen Revolutionen einhergehen.

Die Ausfahrt vor dem Absturz in die Gamma-Falle

Gamma ist früher oder später unvermeidlich. Die Gamma-Falle ist es nicht. Vor dem Sturz über den Wasserfall gibt es eine Abfahrt, einen Nebenarm des Flusses, auf den wir uns retten können, ohne dass es zum Äußersten kommen muss.

Dieser Nebenarm ist die Reform vor dem Absturz. Dafür braucht es mutige Pioniere und Visionärinnen, deren Denken schnell und flexibel genug ist, sich anzupassen, über den Tellerrand und auch über den verhältnismäßig kurzen Zeithorizont der aktuellen Gamma-Krise hinweg zu schauen und die langfristigen Auswirkungen und systemischen Wechselwirkungen kurzfristiger Entscheidungen im Blick zu behalten. Menschen, die auf die Reformoption hinweisen und neue Wege aufzeigen, die in den überbordenden Gefühlen von Beta und Gamma von den meisten anderen übersehen oder ausgeblendet werden.

"Den Weg der Reform tatsächlich einzuschlagen, erfordert die Bereitschaft, im Voraus zu handeln, statt zu reagieren, die ernsthafte Verpflichtung, Risiken einzugehen, und die Kraft einen rutschigen Pfad zu verlassen und querfeldein weiterzugehen."*

4. Phase: Der Delta-Aufschwung

Sind die Mauern der Gamma-Phase endgültig durchbrochen - unabhängig davon, wie dies von statten gegangen ist - beginnt nun die Phase des Aufschwungs zur nächsten Stufe auf der Spirale der "Bewusstseinsentwicklung". Diese Phase ist von Euphorie und sprudelnder Kreativität bestimmt. Es herrscht geistiger Frühling. Alles steht auf Neustart. Auf zu neuen Ufern. Neue Heilslehren schießen wie Pilze aus dem Boden. Alles soll besser werden, als zuvor. Ein allgemeines Gefühl des Durchbruchs und der Befreiung vom Alten macht sich breit.

Diese Phase kann sich wunderbar anfühlen. Obwohl häufig nach einer Gamma-Eskalation alles in Trümmern liegt, kann uns die Hoffnung auf ein besseres Morgen, in dem wirklich alles ein für alle Mal schöner wird, mit sich reißen. Das ist toll. Und brandgefährlich zugleich.

Denn die Delta-Phase ist noch lange kein neues Alpha. Etwas zu überwinden ist bei weitem nicht dasselbe, wie ein neues (höheres) Gleichgewicht gefunden zu haben. Auch in der Begeisterung des Delta-Aufschwungs sollten die Sektkorken nicht zur früh knallen. Eine der größten Gefahren besteht jetzt darin, einen Despoten gestürzt zu haben, nur um sich hinterher unter das Joch eines noch viel Größeren spannen zu lassen. Egal, ob es sich dabei um einen Menschen, ein politisches oder wirtschaftliches System, eine Weltanschauung oder einfach eine bestimmte Art des Denkens handelt.

Oft wird deutlich, dass der scheinbare Sieg eben nur das war: ein Schein-Sieg.

"Die Hüter des rechten Glaubens wollen Ihnen weismachen, dass Sie entkommen konnten, doch wenn Sie feiern und sich exponieren, schauen Sie sich um und bemerken, dass Sie manipuliert worden sind. Die Barrieren stehen immer noch da und sind nur übermalt worden, um anders auszusehen."*

Vielleicht sind Menschen mit Weitblick in einer Delta-Phase wichtiger als in jeder anderen. Sie müssen die Veränderung hin zu einem höheren, ganzheitlich besseren Zustand für alle Systeme ebenso im Blick haben, wie die Schattenseiten und Fallgruben, die eine solche Veränderung begleiten können. Sie benötigen ein klares Bewusstsein und ein hohes Maß an Achtsamkeit für das, was tatsächlich passiert, damit das Neue trägt und nicht bloß zu einer noch schlimmeren Version des Vorangegangenen führt.

"Sehr emotionsgeladene revolutionäre Elemente können so sehr mit den Barrieren beschäftigt sein, dass sie die Rakete schließlich in einem endgültigen Coup auf sich selbst richten. Sie stürzen die Statuen der vorangegangenen Ordnung. Sie schicken die Ingenieure nach Hause. Sie bringen alles aus der Vergangenheit in Verruf, selbst die ersten Führer der Revolution, in dem Glauben, der magische Phönix könne - und werde - aus der Asche des vorangegangenen Systems aufsteigen. Oftmals erhalten sie stattdessen einen Geier, und die Züge fahren überhaupt nicht mehr, geschweige denn pünktlich."*

5. Phase: Das neue Alpha

Das neue Alpha stellt eine Phase des wiedergefundenen Gleichgewichts auf einer höheren Stufe dar. Was über das vorausgegangene Beta, Gamma und Delta entstanden ist, hat sich nun etabliert. Die Wogen glätten sich. So kann es erstmal eine Weile weitergehen. Eine neue Normalität ist entstanden. Diese Phase kann Monate oder Jahrzehnte dauern. Doch natürlich erscheint das nächste Beta bereits am Horizont, wie Wetterleuchten bei einem weit entfernten Gewitter. Auch wenn wir es von unserem derzeitigen Standpunkt aus noch nicht sehen können, es wird kommen und neue Herausforderungen mit sich bringen.

Und das ist vollkommen in Ordnung. So vollzieht sich Bewusstseinsentwicklung. Sowohl im Einzelnen wie auch im Kollektiv.

Wo befinden wir uns zurzeit?

Wenn du die bisherigen Ausführungen aufmerksam gelesen hast, stimmst du mir vielleicht zu, wenn ich klare Anzeichen dafür zu erkennen meine, dass wir uns derzeit in einem tiefen Gamma-Zustand befinden. Ich glaube, dass wir nicht weit von dem Punkt entfernt sind, an dem wir noch die Chance haben, die letzte Ausfahrt vor der Gamma-Falle zu nehmen, um den Sturz in ein noch größeres Chaos zu verhindern. Das ist zugegeben subjektiv. Ich könnte mich irren.

Welche Gefahren aber auch welche großen Chancen uns über unsere alten Begrenzungen hinaus zu entwickeln in der momentanen Zeit liegen, hast du in den vorherigen Abschnitten selbst erfahren.

Was wir bräuchten

Was könnte also helfen? Was mich angeht, so bräuchte es mehr Menschen, die bestrebt sind, Gutes zu tun, ohne das Böse in sich und anderen aus den Augen zu verlieren. Die bewusst und bei sich bleiben (auch wenn es zurzeit verdammt schwer ist) und versuchen, sich nicht kopflos von ihren Beta- und Gamma-Gefühlen überrennen zu lassen, sondern das große Bild im Blick behalten. Wir benötigen neue Wege, in Kontakt zu bleiben, auch wenn wir unterschiedliche Standpunkte in der Sache vertreten. Den Dialog aufrechtzuerhalten, auch wenn unsere Sicht der Dinge voneinander abweicht. Die Wertschätzung und den Respekt im Gespräch zu halten, auch wenn wir uns faktisch uneins sind. Bewusst zu bleiben, dass wir alle nur glauben, dass wir wissen und nicht umgekehrt.

Von "entweder oder" zu "sowohl als auch"

Dabei sind Spaltung und Schwarz-weiß-Denken immer kontraproduktiv. Offenheit siegt und zwar egal, womit wir es tatsächlich zu tun haben. Das kann ich nämlich auch nur raten. Hier hilft der alte Hegel'sche Dreischritt, um von der These über die Antithese zur Synthese zu gelangen.

Anders ausgedrückt: Was, wenn beide Seiten recht hätten? Ein gefährlicher Virus und eine weltweite Verschwörung? Warum sollte das eine das andere ausschließen? Und gleichzeitig sollten wir auch dafür offen bleiben, dass tatsächlich weder das eine noch das andere der letztendlichen Wahrheit entsprechen muss oder dies, wenn doch, vielleicht nur zu einem Teil tut.

Spaltung ist eine der größten Hürden für die Überwindung jeder Krise. Was mich angeht, so sollten wir, wo immer es geht, versuchen, in Kontakt zu bleiben und den Austausch aufrecht zu erhalten. Egal, wie schwer es uns auch fällt. Wir haben die Chance, nicht nur eine Krise (welcher Art auch immer) zu meistern, sondern eine neue Art des Umgangs miteinander und den Anforderungen des Zusammenlebens zu finden. Mich lässt das hoffen.

Natürlich gilt alles, was in diesem Artikel gesagt wurde, nicht nur für unsere aktuelle Situation. Du kannst es auf jeden anderen Lebensbereich übertragen, auf jede Krise, die wir bereits gemeistert haben und jede, die uns noch bevorsteht auf unserem gemeinsamen Weg als Menschheit in eine ebenfalls gemeinsam zu gestaltende Zukunft.

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Quellen in der Reihenfolge der Erscheinung im Text:

*George Orwell, 1984 (Deutsch) Taschenbuch, Ullstein Taschenbuch, 1. Juni 1994
*Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, 1808. Studierzimmer, Mephistopheles zu Faust
*Don Edward Beck, Christopher C. Cowan, "Spiral Dynamics: Leadership, Werte und Wandel", J. Kamphausen Verlag, 7. Auflage 2017, S.49
*Don Edward Beck, Christopher C. Cowan, "Spiral Dynamics: Leadership, Werte und Wandel", J. Kamphausen Verlag, 7. Auflage 2017, S.49
*Don Edward Beck, Christopher C. Cowan, "Spiral Dynamics: Leadership, Werte und Wandel", J. Kamphausen Verlag, 7. Auflage 2017, S.139
*Don Edward Beck, Christopher C. Cowan, "Spiral Dynamics: Leadership, Werte und Wandel", J. Kamphausen Verlag, 7. Auflage 2017, S.143
*Don Edward Beck, Christopher C. Cowan, "Spiral Dynamics: Leadership, Werte und Wandel", J. Kamphausen Verlag, 7. Auflage 2017, S.143f.

1 KOMMENTAR

  1. Sehr schöner Artikel, Andreas! Du hast mal wieder die wissenschaftlichen Hintergründe so gut zusammen gefasst und verständlich erklärt, dass ich meine Gefühle und mein Tun aus der Tiefe meines Herzens heraus noch besser verstehe.

    Ich fühle Wut, Ohnmacht und Hilflosigkeit, weil ich viele Erfahrungen mit den „Strippenziehern“ unseres Systems machen durfte. Gleichzeitig fühle ich mich bestätigt und unter Druck gesetzt, mein Herzensprojekt schneller zu realisieren, weil das Gute, das ich damit verfolge, genau jetzt in diese Zeit passt. Der Ruf meines Herzens wird lauter und drängt mich schon fast, als hätte ich keine andere Wahl. Zum Glück kann ich mich mittlerweile diesem Fluss des Lebens hingeben und Kraft und Vertrauen daraus ziehen, weiterzumachen und eben die Chance für die Menschheit in dieser Krise zu sehen. Da auch ich eher die verächtlichen Blicke wahrnehme, wenn ich die Chance dieser Herausforderung deklariere, sehe ich gerade nur noch die Möglichkeit, mich sichtbar und kenntlich zu machen, vor allem für Gleichgesinnte, damit die kritische Masse erreicht wird, und wir als Kollektiv die Wende noch schaffen. Und das alles, ohne fanatisch zu werden, indem wir auch öfter mal die Brille des anderen aufsetzen.

    Bleiben wir also gesund und stark!
    Alles Liebe,
    Chi

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