Co-Narzissmus: Über die Sucht, gebraucht zu werden

Was ist Co-Narzissmus

Co-Narzissmus (auch Komplementär-Narzissmus) ist das Gegenstück zum Narzissmus bzw. der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Beide gehen auf kindliche Prägungen zurück. Während der Narzisst zu sehr an sich selbst denkt, beschäftigt sich ein Co-Narzisst zu sehr mit den Wünschen und Bedürfnissen anderer. Beide versuchen so ihre emotionalen Bedürfnisse erfüllt zu bekommen.

Was ist Co-Narzissmus?

Der Begriff Co-Narzissmus ist angelehnt an die Bezeichnung "Co-Abhängigkeit", die vor allem für Angehörige, Partner und Freunde von Suchtkranken (meist Alkoholikern) mit bestimmten Verhaltensmustern verwendet wird. Diese co-abhängigen Verhaltensmuster sind der Versuch, Schaden zu begrenzen und die Harmonie wieder herzustellen. Zumindest oberflächlich.

So ruft die co-abhängige Ehefrau beispielsweise auf der Arbeit ihres alkoholkranken Mannes an und erfindet eine Entschuldigung, warum dieser heute nicht zur Arbeit kommen kann, wenn er den Tag zuvor wieder im Vollrausch versunken ist.

Oder der Sohn einer alkoholkranken Mutter versucht ihren Absturz, den die Nachbarn mitbekommen haben, mit Medikamenten zu entschuldigen, die die Mutter gerade nehmen muss, versteckt die Flaschen oder lügt den Vater an, wenn er von der Arbeit anruft und sie sprechen möchte, sie aber gerade betrunken im Bett liegt.

Diese Verhaltensweisen sollen Schaden abwenden. Gleichzeitig puffern sie den Kranken jedoch auch von der vollen Härte der Konsequenzen seines Verhaltens ab, sodass es unwahrscheinlicher wird, dass er an den Punkt kommt, wo er wirklich etwas verändern muss.

Co-Narzissmus ist eine Form der Co-Abhängigkeit

Ganz ähnlich ist es beim Co-Narzissmus. Co-Narzissten haben einen stark ausgeprägten Harmoniewunsch. Deshalb passen sie sich eher an, als ihre Eigenständigkeit zu behaupten. Sie neigen dazu, sich unterzuordnen und zu beschwichtigen und suchen auch bei offensichtlichem Fehlverhalten anderer die Schuld erstmal bei sich.

Hier sind 15 typische Merkmale für Co-Narzissmus:

Co-Narzissmus: 15 Merkmale

  1. 1
    Co-Narzissten sind Everybody's Darling. Zwischenmenschliche Konflikte können sie nur schwer aushalten. Ihre Harmoniesucht zwingt sie dazu, es allen Recht machen zu wollen.
  2. 2
    Co-Narzissten ordnen sich eher unter und passen sich an die Wünsche und Bedürfnisse anderer an, als für ihre eigenen einzustehen.
  3. 3
    Co-Narzissten zweifeln sehr stark an sich selbst und sind überzeugt, immer auch an einem zwischenmenschlichen Problem beteiligt zu sein. Wo Narzissten unterreflektiert sind, ist ein Mensch mit Co-Narzissmus überreflektiert.
  4. 4
    Co-Narzissten sind oft unsicher und orientieren sich stark an anderen Menschen, wenn sie nicht wissen, was sie tun sollen.
  5. 5
    Co-Narzissten wollen in allen das Gute sehen und lange Zeit nur das Gute. Hierdurch werden sie blind dafür, dass es durchaus Menschen gibt, die nicht nur Gutes im Sinn haben. So geraten sie schneller in Abhängigkeiten von toxischen Menschen, die diese Schwäche perfekt auszunutzen verstehen.
  6. 6
    Co-Narzissten tun sich schwer, Grenzen zu setzen. Dadurch lassen sie sich lange zu viel gefallen, ohne entsprechende Rückmeldung zu geben. In ihrem Inneren steigt der Druck im Kessel dabei jedoch kontinuierlich weiter. Irgendwann nach langer Zeit kann es dann zur Explosion angesichts einer Kleinigkeit kommen, die für das Umfeld meist überraschend kommt.
  7. 7
    Co-Narzissten entwickeln schnell Schuldgefühle und empfinden sich sehr schnell als egoistisch, wenn sie in der Auseinandersetzung mit anderen für sich einstehen oder doch einmal Grenzen setzen.
  8. 8
    Co-Narzissten übernehmen meist zu viel Verantwortung. Sie haben gelernt, dass sich ihr Wert als Mensch vor allem daran bemisst, wie hilfreich sie für andere sind. So versuchen sie unbewusst auch, nicht verlassen zu werden, indem sie sich unersetzlich für andere machen. 
  9. 9
    Co-Narzissten haben einen starken Wunsch nach Beziehung und Verbindung mit anderen. Sie können zwar alleine sein, aber sie sind es ungern.
  10. 10
    Co-Narzissten wollen andere Menschen verändern, was ihnen jedoch so gut wie nie gelingt. Sie sind mehr in Kontakt mit dem Potenzial, das sie in anderen Menschen sehen (oder in diese hinein interpretieren), als damit, wie dieser Mensch wirklich ist.
  11. 11
    Co-Narzissten verzeihen leichtfertig und schnell, merken sich jedoch unbewusst, was der andere getan hat und halten es ihm oft Jahre später in einem Wutausbruch vor.
  12. 12
    Co-Narzissten geben grundsätzlich viel und erwarten nichts zurück. Oberflächlich. Sie verletzen dadurch das Gesetz vom Ausgleich von Geben und Nehmen in der Beziehung und versuchen den anderen in einer gefühlten Bringschuld zu halten, die sie jedoch nie einzulösen gedenken. Dafür erwarten sie im Stillen, dass der andere bei ihnen bleibt und sie korrekt behandelt. Geht diese Rechnung auf Dauer nicht auf, wird deutlich, dass sie insgeheim die ganze Zeit innerlich Buch darüber geführt hat, wer in der Beziehung wie viel gegeben hat.
  13. 13
    Co-Narzissten sind über empathisch. Sie fühlen mehr, was der andere fühlt (oder was sie glauben, dass er fühlt), als dass sie im Kontakt wahrnehmen, wie es ihnen dabei geht.
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    Co-Narzissten können schwer etwas von anderen annehmen und wollen lieber geben. Das ist die Kehrseite des vorherigen Punktes. Zum einen sind sie es gewohnt, für andere da zu sein anstatt dass man sich um sie kümmert, zum anderen können sie so die unausgeprochene Anspruchshaltung aufrechterhalten, der andere stünde in ihrer Schuld. Das würde sie jedoch außer in einem Wutausbruch nie laut sagen.
  15. 15
    Co-Narzissten sind meist "parentifizierte Kinder". Sie mussten früh erwachsen werden und sich beispielsweise um ein jüngeres Geschwister kümmern oder viele Aufgaben im Haushalt erledigen. Sie haben gelernt, für alle da zu sein und möglichst keine Schwierigkeiten zu machen. Bei ihren Eltern konnten sie nicht wirklich Kind sein, weil diese emotional nicht erreichbar waren, nicht auf kindgerechte Weise mit ihnen umgegangen sind oder zu tief in eigenen Themen gesteckt haben.

Co-Narzissmus: Von bösen Tätern und gut meinenden Opfern

Das Thema Co-Narzissmus in der toxischen Beziehung sollte man sehr differenziert betrachten. Es gibt die deutliche Tendenz, in Youtube-Videos und vielen Artikeln im Netz, grundsätzlich den Narzissten als den Täter und den Co-Narzissten als das Opfer darzustellen.

Am anderen Extrem steht die Haltung, Co-Narzissten wären mindestens genauso an der toxischen Beziehungs-Dynamik schuld, wie die Narzissten. Man sollte jedoch mit solchen Verallgemeinerungen sehr vorsichtig sein.

Zwar haben Co-Narzissten immer auch einen Eigenanteil an der Entstehung und vor allem Aufrechterhaltung der toxischen Beziehungs-Dynamik, aber daraus lässt sich nicht ableiten, dass dieser gleich groß wie der des Narzissten wäre. Und die Frage nach der Schuld führt grundsätzlich nicht weiter.

Dennoch treffen diese Aussagen bei Co-Narzissten häufig auf fruchtbaren Boden, da sie ohnehin die Tendenz haben, sich über- verantwortlich und schuldig zu fühlen und es ihnen durch den Narzissten mittels Schuldumkehr und anderen narzisstischen Manipulationstechniken ja auch permanent eingeredet wird.

Darüber hinaus verbindet Narzissten und Co-Narzissten in der Regel ein gemeinsamer ungelöster Grundkonflikt, was zu einem hohen Maß an Empathie auf Seiten der Co-Narzissten für den Schmerz des verletzten inneren Kindes im Narzissten führen kann. Sie haben dann die Tendenz, sich mit diesem verletzen inneren Kind im Narzissten zu identifizieren und sein Verhalten damit zumindest zum Teil zu rechtfertigen

"Er kann ja eigentlich nichts dafür. Er wurde früh gebrochen. In ihm wohnt nur ein kleiner verletzter Junge, der sich verzweifelt nach Liebe sehnt."

Auch das mag stimmen, ändert jedoch nichts an dem schädigenden Verhalten des anderen in der Gegenwart.

Da es Co-Narzissten süchtig danach sind, gebraucht zu werden und anderen zu helfen, um darüber einen Teil ihrer Identität und vor allem ihr Selbstwertgefühl stabil zu halten, nähren sie damit oft die maligne Hoffnung, sie könnten den Narzissten in irgendeiner Form "gesund lieben", was jedoch nie klappt, wie sie selbst meist irgendwann resigniert feststellen müssen.

Deshalb sollten besonders Co-Narzissten darauf achten, die innere Zerrissenheit des narzisstischen Partners nicht als Rechtfertigung für sein destruktives Verhalten heranzuziehen.

Co-Narzissmus: Empathen, People Pleaser und das Brave-Tochter-Syndrom

Co-Narzissten sind zwar fast immer sehr empathisch, doch bedeutet das nicht, dass jeder empathische Mensch automatisch ein Co-Narzisst ist. Auch dann nicht, wenn er bereits mehrmals auf einen Narzissten hereingefallen ist. Hier sollte man genau differenzieren.

"Empath" oder "Empathin" ist auch kein klinischer Begriff, sondern wird häufig falsch verwendet, um Partner von Narzissten oder Menschen mit co-narzisstischen Bindungsmustern zu beschreiben.

Wie bei den 15 Merkmalen von Co-Narzissmus erwähnt, haben Co-Narzissten haben eine besondere Persönlichkeitsstruktur. Die meisten Co-Narzissten sind Frauen, was sicher auch mit der bis heute in vielen Familien anzutreffenden Sozialisation der Mädchen und dem klassischen Rollenbild der Frau zusammenhängt. Sie mussten früh lernen, dass die Wünsche der anderen Menschen in ihrem Umfeld wichtiger sind, als ihre eigenen.

Häufig handelt es sich bei Co-Narzissten um "parentifizierte Kinder". Das sind Kinder, die zu früh selbstständig und erwachsen werden mussten. Mindestens ein Elternteil war so belastet, toxisch oder in eigenen Themen gefangen, dass die Kinder selbst eine Art Elternrolle für den betreffenden Elternteil oder beide übernehmen mussten.

Häufig wurde ihnen auch schon sehr früh die Verantwortung für ihre Geschwister übertragen.

Sie haben dadurch gelernt, angepasst und brav zu sein. Meist haben sie nur wenig rebelliert und waren gut in der Schule. Durch ihre belasteten Eltern haben sie versucht, keinen Ärger zu machen und perfekt zu funktionieren. Liebe kennen sie hauptsächlich in der Form von "sich um andere kümmern". Sie kennen sich damit aus, jemanden "retten" oder heilen zu wollen.

Dazu kommt meist eine andressierte Beißhemmung. Da aufmüpfiges Verhalten nicht gefragt war, haben sie gelernt, ihre Aggressionen runterzuschlucken und oft selbst gar nicht mehr wahrzunehmen. Ebenso wie ihre eigenen Bedürfnisse. Viele können zwar präzise nachempfinden, wie es den Menschen in ihrem Umfeld geht, sind aber unfähig zu spüren, wie sie sich selbst fühlen und was ihre wahren Wünsche und Bedürfnisse sind.

Dadurch passen Co-Narzissten und Narzissten zueinander, wie Schlüssel und Schloss. Sie suchen beim jeweils anderen, was sie bei sich selbst bisher nicht entwickeln konnten.

Die vermeintliche moralische Überlegenheit des Co-Narzissten

Im Laufe einer toxischen Beziehung sammeln sich auf der Seite des Co-Narzissten immer mehr Verletzungen an, mit denen dieser irgendwie umgehen muss.

Die ständigen Entwertungen durch den Narzissten und dessen teilweise extrem verletzendes Verhalten führen dazu, dass der Co-Narzisst einen Weg finden muss, den Rest seines Selbstwertgefühls aufrecht zu halten.

Viele retten sich dann auf den Standpunkt der moralischen Überlegenheit und sammeln mental Rabattmarken für jede entwertende Tat des Narzissten.

Dieses Konto wächst kontinuierlich im Laufe der Beziehung und verhindert nun auch von Seiten des Co-Narzissten, dass die Beziehung jemals Augenhöhe erreichen kann, solange dieses moralische Konto nicht aufgelöst wird.

Mit der Zeit können Co-Narzissten unterschwellig sehr böse auf den Narzissten werden, was sich in ausgeprägtem passiv-aggressivem Verhalten äußern kann. Ist es soweit gekommen, lassen häufig auch die bewusst empfundenen Schuldgefühle des Co-Narzissten nach. Diese sind zwar nach wie vor vorhanden, werden nun jedoch ebenfalls auf den Narzissten projiziert. Die toxische Beziehung hat damit eine neue Eskalationsstufe erreicht. So verständlich dieses Verhalten auch ist, es führt noch mehr in die Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Doch es geht auch anders.

Co-Narzissmus in der toxischen Beziehung

Manche scheinen toxische Menschen anzuziehen, wie ein Manget die Eisenspäne. Sie schließen neue Kontakte, die auf den ersten Blick so gar nicht toxisch wirken und sich später dann doch als üble Narzissten entpuppen. Wie kommt das und warum trifft das besonders auf sehr empathisch veranlagte Menschen zu?

Falls du dich in schon länger in einer toxischen Beziehung mit einem Narzissten befindest und dich fragst, ob du vielleicht auch Eigenschaften von Co-Narzissmus in deinem Persönlichkeitsprofil hast, machen wir es kurz und schmerzlos:

Narzisstisch-Co-Narzisstische-Kollusion

Kaum jemand bleibt längerfristig in einer toxischen Beziehung mit einem Narzissten, wenn er nicht selbst co-narzisstische Persönlichkeitszüge hat, welche die narzisstische Kollusion erst möglich machen.

Die Persönlichketisprofile von Co-Narzissten und Narzissten passen zueinander wie Positiv zu Negativ beim Foto. Sie sind komplementär zueinander, das heißt, sie ergänzen sich. Co-Narzissmus gleich Komplementär-Narzissmus.

Warum ziehen sich Co-Narzissten und Narzissten so stark an?

Zwischen Co-Narzissten und Narzissten besteht eine besondere Anziehungskraft. Sie haben einen eigenen Magnetismus, der sie unweigerlich zueinander hinzieht. Das gilt solange, bis die Co-Narzisstin ihre Entwicklungsaufgaben (siehe unten) bewältigt hat. Theoretisch stimmt das umgekehrt auch für den Narzissten, doch gelten diese als ziemlich therapieresistent.

Beide Partner delegieren dabei ihre eigenen unerfüllten Bedürfnisse auf den jeweils anderen. Auf der einen Seite steht ein Mensch, der gerne zu viel gibt (Co-Narzisst). Auf der anderen einer, der gerne zu viel nimmt (Narzisst). Für beide stellt dies ihre gewohnte Art dar, mit anderen Menschen in Beziehung zu sein. Sie kennen es nicht anders.

Der Narzisst hofft, von der Co-Narzisstin alle seine Wünsche und Bedürfnisse erfüllt zu bekommen. Dabei möchte er möglichst wenig zurückgeben und sich nicht verändern müssen.

Die Co-Narzisstin hofft insgeheim, dass etwas von dem faszinierenden Selbstbewusstsein des Narzissten auf sie übergeht. Gleichzeitig versucht sie, ihr Selbstwertgefühl zu stabilisieren, indem sie für ihn die perfekte Partnerin spielt. Denn das ist die Art, wie sie gelernt hat, sich als wertvoller Mensch zu fühlen.

Außerdem gehen Partnerschaften mit Narzissten immer durch einen toxischen Kreislauf. Hier wird der Partner / die Partnerin des Narzissten besonders in der Love Bombing Phase so sehr mit Aufmerksamkeit überschüttet, dass er in der Folge regelrecht süchtig danach wird.

Die Co-Narzisstin erhält vom Narzissten in der Love Bombing Phase so viel positive Zuwendung, dass sie hinterher nahezu alles tut, um diesen Zustand wiederherzustellen. In dieser ersten Zeit einer toxischen Beziehung badet der Narzisst seine Partnerin in narzisstischer Zufuhr. Er idealisiert und überhöht sie bis ins Maßlose. Damit triggert er narzisstische Tendenzen in der Co-Narzisstin. Viele berichten, dass sie sich noch nie so gesehen, geliebt und begehrenswert erlebt haben, wie in dieser Zeit und auch niemals wieder seither.

Hierdurch entsteht eine starke Abhängigkeit, denn dieses Gefühl ist unweigerlich mit dem Narzissten verbunden. Er und nur er scheint die Quelle für dieses Gefühl zu sein. Ohne ihn ist es der Co-Narzisstin / dem Co-Narzissten scheinbar unmöglich, sich so zu fühlen.

Im Grunde verlieben sich die Betroffenen weniger in den Narzissten als vielmehr in die Art, wie dieser sie sieht. Doch das lässt sich schnell verwechseln. Treffender als zu sagen "Ich liebe dich" wäre in dieser Phase die Aussage "Ich liebe die Art, wie du mich liebst!" Da der Narzisst aber die Quelle für dieses grandiose Gefühl zu sein scheint, fühlt es sich so an, als würden diese Liebe ausschließlich ihm gelten.

Mit der Zeit kommen die verborgenen Entwicklungsthemen ans Licht

So bleibt auch die Co-Narzisstin in ihren kindlichen Bedürfnissen stecken und versucht, sich nicht weiterentwickeln zu müssen. Denn diese Entwicklung bedeutet, Vertrautes aufzugeben und macht Angst. Dabei ist es faszinierend, dass Co-Narzissten meist ein ausgesprochen großes Interesse an persönlicher Weiterentwicklung haben. Sie verschlingen reihenweise Selbsthilfebücher, lesen Blogs und Zeitschriftenartikel, während ihre wahren Entwicklungsthemen oft jahrelang vor ihnen verborgen bleiben.

Leider geht die Rechnung in der narzisstisch -co-narzisstischen Partnerschaft für beide nur kurzfristig auf. Je länger die Beziehung dauert, desto mehr kommen die Schattenseiten dieser Konstellation ans Tageslicht. Denn hier gehen zwei Menschen mit ihren unerfüllten kindlichen Bedürfnisse eine Beziehung ein und versuchen unbewusst, den eigenen anstehenden Entwicklungsschritten aus dem Weg zu gehen und diese an den Partner delegieren, anstatt selbst zu reifen.

Anthroposophische Sicht auf die Entwicklungsaufgaben von Co-Narzissten

Im Sinne der Anthroposophie nach Rudolf Steiner konnten hier die Entwicklungsaufgaben einer früheren Stufe nicht bewältigt werden. Dadurch kommt es in diesem Lebensbereich zu einer Stauung der Lebensenergie. Hinter dieser Blockade fließt immer weiter neue Lebensenergie nach. So erhöht sich der Druck auf die Blockade zunehmend, während auf der anderen Seite der Energiefluss zum Erliegen kommt.

Wenn der Energiefluss stockt, merkst du das daran, dass in dem entsprechenden Lebensbereich nichts so richtig funktionieren will. Egal, was du auch im Außen versuchst, nichts gelingt. Es ist, als würdest du mit den Füßen in klebrigem Pech stecken, während du versuchst, einen Marathon zu laufen.

Weil sich immer mehr Energie aufstaut, nehmen die Probleme weiter zu. Das Leben sorgt so dafür, dass wir die anstehenden Lernaufgaben nicht ignorieren können. Wir sitzen nach in der Schule des Lebens.

Lebenskrise als Wendepunkt

Die wachsenden Probleme wollen uns zusätzliche Gelegenheiten bieten, die versäumten Entwicklungsschritte nachzuholen. Manchmal muss der Druck erst so weit steigen, dass es zu einem Dammbruch kommt. Der geht dann häufig mit einer massiven Lebenskrise einher.

Alles, was nicht mehr funktioniert, bricht zusammen. Neues entsteht auf den Trümmern des Alten. So kommt der Energiefluss wieder in Gang. Wir können uns viel Leid ersparen, wenn wir unsere offenen Entwicklungsaufgaben angehen, bevor es zum totalen Kollaps kommt. 

Narzisst und Co-Narzisstin versuchen unbewusst, die nicht gemeisterten Entwicklungsaufgaben an den Partner zu übertragen. Einerseits durch die Partnerwahl, andererseits durch ihr Verhalten in der Partnerschaft.

Das erklärt auch, warum die Lösung nicht im Außen zu finden ist. Um dieses Thema dauerhaft zu bewältigen, musst du den Weg in die eigene Tiefe gehen. Dort wartet ein Schatz auf dich, der geborgen werden will: Dein wahres Selbst.

Empathisch-Narzisstischer Grundkonflikt

Unter Paartherapeuten gibt es einen geflügelten Satz: Wir gehen mit unserer verletzten Kinderseele auf Partnersuche. Das trifft auf die narzisstische-co-narzisstische Partnerschaft besonders zu.

Therapeutische Weisheit

Wir gehen mit unserer verletzten Kinderseele auf Partnersuche.

Partnerschaften sind der perfekte Rahmen für unsere inneren Kinder, um ihre ungelösten Konflikte zu bearbeiten. Dafür finden wir mit traumwandlerischer Sicherheit die passenden Partner. Zwischen zwei Menschen entsteht oft eine enorme Anziehungskraft, wenn sie ein ähnlicher ungelöster Grundkonflikt verbindet. Für Narzissten und Co-Narzissten gilt das ganz besonders.

Meist hat jeder Partner aufgrund von Bindungsverletzungen in der Kindheit unbewusst beschlossen, auf eine bestimmte Weise mit diesem ungelösten Konflikt umzugehen (Bewältigungsstrategie).

Beim narzisstisch-co-narzisstischen Grundkonflikt sind diese Bewältigungsstrategien entgegengesetzt zwischen beiden Partnern. Die Kinderseele in uns versucht immer noch das alte Thema zu lösen. Wir sind fasziniert von anderen, die mit dem gleichen Thema ganz anders umgehen, als wir selbst.

Diese Polarität bei verbindendem Grundthema führt zu einer Anziehungskraft, der sich die Beteiligten kaum entziehen können. Gerade am Anfang einer solchen toxischen Beziehung führt diese Polarität häufig zu enormer sexueller Spannung. Diese wird dann oft als große Leidenschaft fehlgedeutet.

Narzisstische Kollusion nach Jürg Willi

Das Kollusionskonzept des leider 2019 verstorbenen Schweizer Psychiaters Jürg Willi beschreibt die magnetische Anziehung zwischen Narzisst und Co-Narzisstin besonders treffend.

Ein Partner geht mit dem gemeinsamen ungelösten Grundkonflikt progressiv um, indem er überkompensiert. Der andere Partner geht regressiv damit um. Einer im aktiven Kampf-Modus, der andere im passiven Flucht-Modus. Denk nochmal an den oben stehenden Satz: Wir gehen mit unserer verletzen Kinderseele auf Partnersuche.

Jetzt verstehst du schon etwas besser, wie die Anziehung bei der narzisstischen Kollusion funktioniert. Dein verletztes Kind spürt intuitiv, dass der andere die gleiche offene Wunde (gemeinsamer Grundkonflikt) in sich trägt, wie du. Eure verletzten Kinder erkennen sich und bewegen sich aufeinander zu.

Gemeinsame Urverletzung von Co-Narzisstin und Narzisst

Das sorgt für ein hohes Maß an Empathie durch Wiedererkennen. Besonders beim co-narzisstisch veranlagten Partner, denn Gemeinsames verbindet. Umso mehr, wenn es sich dabei um eine gemeinsame Urverletzung handelt. Auch der Narzisst spürt unbewusst, dass er etwas Wesentliches mit seiner co-narzisstischen Partnerin teilt.

Das verletzte innere Kind in beiden versucht schon immer, diesen Grundkonflikt zu bewältigen und seine Urverletzung zu heilen, um wieder ganz zu werden. So keimt in ihm die Hoffnung, die Lösung an den Partner delegieren zu können, denn dieser hat scheinbar das, was ihm selbst fehlt.

Durch das Abwälzen der eigenen Entwicklungsaufgaben auf den Partner muss sich das verletzte innere Kind nicht mit seiner Angst konfrontieren, sich mit bestimmten schmerzhaften Aspekten seiner Urwunde auseinandersetzen zu müssen. Dafür gibt es ja jetzt den Partner, der diese Aspekte stellvertretend lebt.

Trügerisches Gefühl der Verbundenheit

Der gemeinsame Grundkonflikt bei entgegengesetzten Bewältigungsmodi führt häufig zu einem Gefühl außergewöhnlich tiefer Verbundenheit mit wechselnder Anziehung und Abstoßung.

Beide sind wie Feuer und Wasser und kommen dennoch nicht voneinander los. Das gilt in der narzisstischen Kollusion ebenso für den Narzissten. In der narzisstischen Kollusion sind beide Partner gleichermaßen stark aneinandergekettet.

Dieses Verbundenheitsgefühl und die erlebte "Tiefe" in der narzisstischen Kollusion führen häufig zu dem Irrglauben, in einer besonders wertvollen Beziehung zu stecken. Viele glauben dadurch, füreinander bestimmt oder gar "Seelenverwandte" zu sein. Verstärkt wird dieses Gefühl oft noch durch die süchtig machende Achterbahnfahrt der Gefühle mit wechselnden Phasen der Verschmelzung und Abwertung.

Verlustängste durch emotionale Achterbahnfahrt

Das Wechselbad der Gefühle triggert tief sitzende  Verlustängste, besonders beim Co-Narzissten. Diese Verlustängste deuten viele als Liebe fehl. Nach dem Motto:

"Wenn mich der Gedanke, ihn zu verlieren so fertig macht, muss es Liebe sein."

Doch mit Liebe hat das nichts zu tun. Häufig glaubt der co-narzisstische Partner, wenn er die Probleme nicht in dieser Partnerschaft löst, wird er es nie schaffen oder es wird in der nächsten Beziehung noch schlimmer.

Es stimmt, dass die narzisstische Kollusion eine besondere Form der "Partnerschaft" ist und heftigste Gefühle auslösen kann. Hier sind zwei Menschen aneinander gefesselt, die füreinander wie Kryptonit sind. Sie machen sich langfristig gegenseitig kaputt. Das gilt in dieser Form ebenso für den Narzissten.

Denn auch wenn er es immer mal wieder versucht, so ganz kommt er meist doch nicht von seiner co-narzisstischen Partnerin los. Oft schlägt die "Liebe" mit der Zeit aber in Hass um. Doch Hass bindet mindestens ebenso so stark, wie Liebe.

Gemeinsame Lernaufgabe von Narzisst und Co-Narzisstin

Selbstverständlich haben beide in der narzisstischen Kollusion gemeinsame Lernaufgaben. Oft sind diese nur mit therapeutischer Hilfe zu bewältigen. Mit etwas Glück bist du dann zum letzten Mal in eine narzisstische Kollusion geraten. Für die Bewältigung der anstehenden Lernaufgabe ist es jedoch nicht nötig, in der toxischen Beziehung zu bleiben. Im Gegenteil.

Die Heilungsaussichten für Co-Narzissten sind deutlich größer, als für den Narzissten. Denn die Narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS) gilt als höchstens leicht beeinflussbar, aber nicht therapierbar.

Das setzt darüber hinaus ehrliche Krankheitseinsicht voraus, die in der Regel mit dem grandiosen Selbstbild des Narzissten nicht vereinbar ist. Denn in seiner Sichtweise sind stets die anderen schuld und haben die Probleme. Wenn er leidet, dann nur unter der Unzulänglichkeit anderer Menschen, nicht unter eigenen Fehlern und Schwächen. Zusätzlich wird eine große Motivation benötigt, um die Therapie auch durchzuhalten. Beides ist selten gegeben. Das ist tragisch, aber leider nicht zu ändern.

Für Co-Narzissten bestehen also die deutlich besseren Aussichten, den gemeinsamen Grundkonflikt in sich zu lösen.

Der gemeinsame Grundkonflikt in der Narzisstischen Kollusion

Das gemeinsame Beziehungsthema zwischen Narzisst und Co-Narzisstin kreist um das Spannungsfeld zwischen Verschmelzung und Autonomie. Bei der toxischen Beziehung findet sich die stärkste Ausprägung dieses Nähe-Distanz-Konflikts.

Beide tanzen um die Fragen: Wie weit muss ich mich in einer Beziehung selbst aufgeben und im anderen aufgehen? Und wie weit kann ich darin ich selbst bleiben?

Dabei befinden sich beide Partner in der narzisstischen Kollusion an den genau gegenüberliegenden Punkten des Spektrums. Exakt hier findet sich auch die Entwicklungsaufgabe beider Parteien. Auch wenn meist nur die Co-Narzissten sie irgendwann wirklich bewältigen.

Die Co-Narzisstin ordnet sich grundsätzlich zu sehr unter und geht zu stark auf im narzisstischen Partner. Was dadurch verstärkt wird, dass dieser sich hochgradig manipulativ verhält. Der Narzisst wiederum möchte in der Beziehung vollkommen er selbst bleiben. Alles soll sich ausschließlich um ihn drehen, ohne dass er sich anpassen oder ändern muss.

Dabei handelt es sich um typische Spannungsfelder jeder Beziehung, deren Bewältigung in der narzisstischen Kollusion jedoch nicht gelingt. Dazu gehören noch weitere Beziehungsthemen, für die in einer gesunden Beziehung ein Gleichgewicht gefunden werden muss:

  • Wie weit sollte ich mich in einer Partnerschaft abgrenzen? Wo liegt mein ideales Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz? Ab wann beginne ich, mich im anderen zu verlieren? Wie viel Verschmelzung kann ich zulassen und dennoch ich selbst bleiben?
  • Kann ich fühlen, wo ich aufhöre und der andere anfängt? Sind diese grenzen starr oder verschieblich? Wer beeinflusst diese Grenzen? Ist mir im Alltag bewusst, wie viel Abgrenzung oder Nähe ich gerade brauche?
  • Wie viel Autonomie benötige ich, um mich selbst wahrzunehmen? Wie viel Eigenes kann ich mir zugestehen, ohne Angst zu bekommen, aus der Bindung zu fallen und abgelehnt oder verlassen zu werden?
  • Welche Bindungserfahrungen habe ich in der Kindheit gemacht? Musste ich früh erwachsen werden und Verantwortung übernehmen oder wurde ich bewusst unselbstständig gehalten, sodass ich mir selbst heute nichts zutraue?
  • Wer bestimmt über meinen Selbstwert? Ich selbst? Mein Partner? Oder wir beide? Wann fühle ich mich wertvoll und wann nicht? Welche Zusammenhänge kann ich erkennen?

Harmonisches Fließgleichgewicht (Homöostase)

In einer gesunden Partnerschaft finden beide Partner im Laufe der Zeit ein harmonisches Fließgleichgewicht (Homöostase) in den oben genannten Bereichen (und weiteren). In der narzisstisch-co-narzisstischen Kollusion verschanzen sich beide Seiten dagegen immer mehr an den gegenüberliegenden Extrempunkten.

Dabei gelingt es ihnen nicht, miteinander und aneinander zu wachsen. Innerhalb einer toxischen Beziehung zwischen Narzisst und Co-Narzisst lässt sich daran aufgrund der Eigenschaften und Verhaltensweisen des narzisstischen Partners oft nicht viel ändern.

Als Co-Narzisstin / Co-Narzisst hast du jedoch die großartige Chance, deine eigenen noch nicht bewältigten Entwicklungsaufgaben nachzuholen. Davon werden nicht nur deine Beziehungen zu Familie, Kollegen und Freunden profitieren, sondern auch deine zukünftige Partnerschaft.

Und das Beste ist: Falls du Kinder hast, kannst du ihnen keinen größeren Gefallen tun, als deine ungelösten Themen anzugehen. Denn egal wie gut wir es meinen und wie viel Mühe wir uns geben, solange wir unbewältigte Entwicklungsaufgaben in uns tragen, geben wir sie an unsere Kinder weiter. Ganz besonders, wenn es sich dabei um Bindungsverletzungen und Beziehungsmuster handelt.

Entwicklungsaufgabe beim Co-Narzissmus

Bei vielen Co-Narzissten reift mit der Zeit der Wunsch heran, selbstständiger zu werden und mehr aus sich heraus zu leben, anstatt immer nur in Bezug auf andere. Hierin liegt die große Chance, die toxischen Beziehungsmuster zu durchbrechen, die ihn sonst auch in der Zukunft anfällig für toxische Beziehungen machen.

Dazu ist es heilsam, einen Blick auf die in der Kindheit entstandenen Prägungen zu werfen und diese mit therapeutischer Unterstützung ein für allemal hinter sich zu lassen. So wirst du in der Lage sein, in Zukunft eine wertschätzende Beziehung mit einem geeigneten Partner zu führen.

Wenn du Mutter oder Vater bist, denke für einen Moment daran, wie deine Kindheitserfahrungen dich geprägt haben und bis heute deine Beziehungen beeinflussen. Als Elternteil hast du die Chance, die Kette destruktiver Beziehungserfahrungen für deine Kinder zu durchbrechen, damit sie nicht das durchleben müssen, was du durchstehen musstest. Denn Kinder lernen nicht durch das, was man ihnen sagt. Sie lernen durch das, was sie an ihren Vorbildern wahrnehmen und beobachten

Schädigende Bindungsmuster werden auf unterschiedlichen Wegen von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Unterbrich diese Kette des Leids für deine Kinder und alle weiteren Generationen!

Überlege einen Moment, wie sehr du durch deine toxischen Beziehungserfahrungen verletzt wurdest. Du hast die Chance, dieses Leiden deinen Kindern mit großer Wahrscheinlichkeit zu ersparen, wenn sie sehen, welche Entwicklung du durchgemacht hast. Und nicht nur deinen Kindern ersparst du damit großes Leid.

Vermutlich auch ihren Kindern und Kindeskindern. Was wir heute in uns heilen, muss nicht mehr von unseren Nachkommen gelebt werden. Es darf vorbei sein. Für dich und alle, die nach dir kommen. Indem wir selbst heilen, heilt ein kleines Stück der Welt von heute und ein großes Stück der Welt von morgen.

Destruktive Bindungsmuster überwinden

Niemand ist dazu verurteilt, immer wieder frustrierende Beziehungserfahrungen zu machen. Auch du nicht. Selbst, wenn du bisher kaum etwas anderes erlebt hast. Es gibt ein Leben danach und einen Weg dorthin.

Wenn du möchtest, lass mich dir dabei helfen, ungelöste Entwicklungsaufgaben anzugehen und ein für allemal zu bewältigen. Seit über zehn Jahren unterstütze ich Menschen im Life-Coaching dabei, solche selbstschädigende Bindungsmuster zu überwinden und bei sich selbst anzukommen. Hunderte meiner Klienten sind diesen Weg bereits gegangen.

Veröffentlicht: Mai 4, 2021

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