Co-Narzissmus: Über die Sucht, gebraucht zu werden

Was ist Co-Narzissmus

Co-Narzissmus (auch Komplementär-Narzissmus) ist das Gegenstück zum Narzissmus. Beide gehen auf kindliche Prägungen zurück. Während der Narzisst zu sehr an sich selbst denkt, beschäftigt sich ein Co-Narzisst zu sehr mit den Wünschen und Bedürfnissen anderer. Beide versuchen so ihre emotionalen Bedürfnisse erfüllt zu bekommen.

Was ist Co-Narzissmus?

Der Begriff Co-Narzissmus ist angelehnt an die Bezeichnung "Co-Abhängigkeit", die vor allem für Angehörige, Partner und Freunde von Suchtkranken (meist Alkoholikern) mit bestimmten Verhaltensmustern verwendet wird. Diese co-abhängigen Verhaltensmuster sind der Versuch, Schaden zu begrenzen und die Harmonie wieder herzustellen. Zumindest oberflächlich.

So ruft die co-abhängige Ehefrau beispielsweise auf der Arbeit ihres alkoholkranken Mannes an und erfindet eine Entschuldigung, warum dieser heute nicht zur Arbeit kommen kann, wenn er den Tag zuvor wieder im Vollrausch versunken ist.

Oder der Sohn einer alkoholkranken Mutter versucht ihren Absturz, den die Nachbarn mitbekommen haben, mit Medikamenten zu entschuldigen, die die Mutter gerade nehmen muss, versteckt die Flaschen oder lügt den Vater an, wenn er von der Arbeit anruft und sie sprechen möchte, sie aber gerade betrunken im Bett liegt.

Diese Verhaltensweisen sollen Schaden abwenden. Gleichzeitig puffern sie den Kranken jedoch auch von der vollen Härte der Konsequenzen seines Verhaltens ab, sodass es unwahrscheinlicher wird, dass er an den Punkt kommt, wo er wirklich etwas verändern muss.

Co-Narzissmus ist eine Form der Co-Abhängigkeit

Ganz ähnlich ist es beim Co-Narzissmus. Co-Narzissten haben einen stark ausgeprägten Harmoniewunsch. Deshalb passen sie sich eher an, als ihre Eigenständigkeit zu behaupten. Sie neigen dazu, sich unterzuordnen und zu beschwichtigen und suchen auch bei offensichtlichem Fehlverhalten anderer die Schuld erstmal bei sich.

Hier sind 15 typische Merkmale für Co-Narzissmus:

Co-Narzissmus: 15 Merkmale

  1. 1
    Co-Narzissten sind Everybody's Darling. Zwischenmenschliche Konflikte können sie nur schwer aushalten. Ihre Harmoniesucht zwingt sie dazu, es allen Recht machen zu wollen.
  2. 2
    Co-Narzissten ordnen sich eher unter und passen sich an die Wünsche und Bedürfnisse anderer an, als für ihre eigenen einzustehen.
  3. 3
    Co-Narzissten zweifeln sehr stark an sich selbst und sind überzeugt, immer auch an einem zwischenmenschlichen Problem beteiligt zu sein. Wo Narzissten unterreflektiert sind, ist ein Mensch mit Co-Narzissmus überreflektiert.
  4. 4
    Co-Narzissten sind oft unsicher und orientieren sich stark an anderen Menschen, wenn sie nicht wissen, was sie tun sollen.
  5. 5
    Co-Narzissten wollen in allen das Gute sehen und lange Zeit nur das Gute. Hierdurch werden sie blind dafür, dass es durchaus Menschen gibt, die nicht nur Gutes im Sinn haben. So geraten sie schneller in Abhängigkeiten von toxischen Menschen, die diese Schwäche perfekt auszunutzen verstehen.
  6. 6
    Co-Narzissten tun sich schwer, Grenzen zu setzen. Dadurch lassen sie sich lange zu viel gefallen, ohne entsprechende Rückmeldung zu geben. In ihrem Inneren steigt der Druck im Kessel dabei jedoch kontinuierlich weiter. Irgendwann nach langer Zeit kann es dann zur Explosion angesichts einer Kleinigkeit kommen, die für das Umfeld meist überraschend kommt.
  7. 7
    Co-Narzissten entwickeln schnell Schuldgefühle und empfinden sich sehr schnell als egoistisch, wenn sie in der Auseinandersetzung mit anderen für sich einstehen oder doch einmal Grenzen setzen.
  8. 8
    Co-Narzissten übernehmen meist zu viel Verantwortung. Sie haben gelernt, dass sich ihr Wert als Mensch vor allem daran bemisst, wie hilfreich sie für andere sind. So versuchen sie unbewusst auch, nicht verlassen zu werden, indem sie sich unersetzlich für andere machen. 
  9. 9
    Co-Narzissten haben einen starken Wunsch nach Beziehung und Verbindung mit anderen. Sie können zwar alleine sein, aber sie sind es ungern.
  10. 10
    Co-Narzissten wollen andere Menschen verändern, was ihnen jedoch so gut wie nie gelingt. Sie sind mehr in Kontakt mit dem Potenzial, das sie in anderen Menschen sehen (oder in diese hinein interpretieren), als damit, wie dieser Mensch wirklich ist.
  11. 11
    Co-Narzissten verzeihen leichtfertig und schnell, merken sich jedoch unbewusst, was der andere getan hat und halten es ihm oft Jahre später in einem Wutausbruch vor.
  12. 12
    Co-Narzissten geben grundsätzlich viel und erwarten nichts zurück. Oberflächlich. Sie verletzen dadurch das Gesetz vom Ausgleich von Geben und Nehmen in der Beziehung und versuchen den anderen in einer gefühlten Bringschuld zu halten, die sie jedoch nie einzulösen gedenken. Dafür erwarten sie im Stillen, dass der andere bei ihnen bleibt und sie korrekt behandelt. Geht diese Rechnung auf Dauer nicht auf, wird deutlich, dass sie insgeheim die ganze Zeit innerlich Buch darüber geführt hat, wer in der Beziehung wie viel gegeben hat.
  13. 13
    Co-Narzissten sind über empathisch. Sie fühlen mehr, was der andere fühlt (oder was sie glauben, dass er fühlt), als dass sie im Kontakt wahrnehmen, wie es ihnen dabei geht.
  14. 14
    Co-Narzissten können schwer etwas von anderen annehmen und wollen lieber geben. Das ist die Kehrseite des vorherigen Punktes. Zum einen sind sie es gewohnt, für andere da zu sein anstatt dass man sich um sie kümmert, zum anderen können sie so die unausgeprochene Anspruchshaltung aufrechterhalten, der andere stünde in ihrer Schuld. Das würde sie jedoch außer in einem Wutausbruch nie laut sagen.
  15. 15
    Co-Narzissten sind meist "parentifizierte Kinder". Sie mussten früh erwachsen werden und sich beispielsweise um ein jüngeres Geschwister kümmern oder viele Aufgaben im Haushalt erledigen. Sie haben gelernt, für alle da zu sein und möglichst keine Schwierigkeiten zu machen. Bei ihren Eltern konnten sie nicht wirklich Kind sein, weil diese emotional nicht erreichbar waren, nicht auf kindgerechte Weise mit ihnen umgegangen sind oder zu tief in eigenen Themen gesteckt haben.

Co-Narzissmus in der toxischen Beziehung

Falls du dich in schon länger in einer toxischen Beziehung mit einem Narzissten befindest und dich fragst, ob du vielleicht auch Eigenschaften von Co-Narzissmus in deinem Persönlichkeitsprofil hast, machen wir es kurz und schmerzlos:

Narzisstisch-Co-Narzisstische-Kollusion

Niemand geht eine längerfristige toxische Beziehung mit einem Narzissten ein, wenn er nicht selbst co-narzisstische Persönlichkeitszüge hat, welche die narzisstische Kollusion erst möglich machen.

Co-Narzissmus: Von bösen Tätern und gut meinenden Opfern

Das Thema Co-Narzissmus in der toxischen Beziehung sollte man sehr differenziert betrachten. Es gibt die deutliche Tendenz, in Youtube-Videos und vielen Artikeln im Netz, grundsätzlich den Narzissten als den Täter und den Co-Narzissten als das Opfer darzustellen.

Am anderen Extrem steht die Haltung, Co-Narzissten wären mindestens genauso an der toxischen Beziehungs-Dynamik schuld, wie die Narzissten. Man sollte jedoch mit solchen Verallgemeinerungen sehr vorsichtig sein.

Zwar haben Co-Narzissten immer auch einen Eigenanteil an der Entstehung und vor allem Aufrechterhaltung der toxischen Beziehungs-Dynamik, aber daraus lässt sich nicht ableiten, dass dieser gleich groß wie der des Narzissten wäre. Und die Frage nach der Schuld führt grundsätzlich nicht weiter.

Dennoch treffen diese Aussagen bei Co-Narzissten häufig auf fruchtbaren Boden, da sie ohnehin die Tendenz haben, sich über- verantwortlich und schuldig zu fühlen und es ihnen durch den Narzissten mittels Schuldumkehr und anderen narzisstischen Manipulationstechniken ja auch permanent eingeredet wird.

Darüber hinaus verbindet Narzissten und Co-Narzissten in der Regel ein gemeinsamer ungelöster Grundkonflikt, was zu einem hohen Maß an Empathie auf Seiten der Co-Narzissten für den Schmerz des verletzten inneren Kindes im Narzissten führen kann. Sie haben dann die Tendenz, sich mit diesem verletzen inneren Kind im Narzissten zu identifizieren und sein Verhalten damit zumindest zum Teil zu rechtfertigen

"Er kann ja eigentlich nichts dafür. Er wurde früh gebrochen. In ihm wohnt nur ein kleiner verletzter Junge, der sich verzweifelt nach Liebe sehnt."

Auch das mag stimmen, ändert jedoch nichts an dem schädigenden Verhalten des anderen in der Gegenwart.

Da es Co-Narzissten süchtig danach sind, gebraucht zu werden und anderen zu helfen, um darüber einen Teil ihrer Identität und vor allem ihr Selbstwertgefühl stabil zu halten, nähren sie damit oft die maligne Hoffnung, sie könnten den Narzissten in irgendeiner Form "gesund lieben", was jedoch nie klappt, wie sie selbst meist irgendwann resigniert feststellen müssen.

Deshalb sollten besonders Co-Narzissten darauf achten, die innere Zerrissenheit des narzisstischen Partners nicht als Rechtfertigung für sein destruktives Verhalten heranzuziehen.

Co-Narzissmus: Empathen, People Pleaser und das Brave-Tochter-Syndrom

Wie bereits weiter oben bei den 15 Merkmalen von Co-Narzissmus deutlich wurde, haben Co-Narzissten haben eine besondere Persönlichkeitsstruktur. Die meisten Co-Narzissten sind Frauen, was sicher auch mit der bis heute in vielen Familien anzutreffenden Sozialisation der Mädchen und dem klassischen Rollenbild der Frau zusammenhängt. Sie mussten früh lernen, dass die Wünsche der anderen Menschen in ihrem Umfeld wichtiger sind, als ihre eigenen.

Häufig handelt es sich bei Co-Narzissten um "parentifizierte Kinder". Das sind Kinder, die zu früh selbstständig und erwachsen werden mussten. Mindestens ein Elternteil war so belastet, toxisch oder in eigenen Themen gefangen, dass die Kinder selbst eine Art Elternrolle für den betreffenden Elternteil oder beide übernehmen mussten.

Häufig wurde ihnen auch schon sehr früh die Verantwortung für ihre Geschwister übertragen.

Sie haben dadurch gelernt, angepasst und brav zu sein. Meist haben sie nur wenig rebelliert und waren gut in der Schule. Durch ihre belasteten Eltern haben sie versucht, keinen Ärger zu machen und perfekt zu funktionieren. Liebe kennen sie hauptsächlich in der Form von "sich um andere kümmern". Sie kennen sich damit aus, jemanden "retten" oder heilen zu wollen.

Dazu kommt meist eine andressierte Beißhemmung. Da aufmüpfiges Verhalten nicht gefragt war, haben sie gelernt, ihre Aggressionen runterzuschlucken und oft selbst gar nicht mehr wahrzunehmen. Ebenso wie ihre eigenen Bedürfnisse. Viele können zwar präzise nachempfinden, wie es den Menschen in ihrem Umfeld geht, sind aber unfähig zu spüren, wie sie sich selbst fühlen und was ihre wahren Wünsche und Bedürfnisse sind.

Dadurch passen Co-Narzissten und Narzissten zueinander, wie Schlüssel und Schloss. Sie suchen beim jeweils anderen, was sie bei sich selbst bisher nicht entwickeln konnten.

Die vermeintliche moralische Überlegenheit des Co-Narzissten

Im Laufe einer toxischen Beziehung sammeln sich auf der Seite des Co-Narzissten immer mehr Verletzungen an, mit denen dieser irgendwie umgehen muss.

Die ständigen Entwertungen durch den Narzissten und dessen teilweise extrem verletzendes Verhalten führen dazu, dass der Co-Narzisst einen Weg finden muss, den Rest seines Selbstwertgefühls aufrecht zu halten.

Viele retten sich dann auf den Standpunkt der moralischen Überlegenheit und sammeln mental Rabattmarken für jede entwertende Tat des Narzissten.

Dieses Konto wächst kontinuierlich im Laufe der Beziehung und verhindert nun auch von Seiten des Co-Narzissten, dass die Beziehung jemals Augenhöhe erreichen kann, solange dieses moralische Konto nicht aufgelöst wird.

Mit der Zeit können Co-Narzissten unterschwellig sehr böse auf den Narzissten werden, was sich in ausgeprägtem passiv-aggressivem Verhalten äußern kann. Ist es soweit gekommen, lassen häufig auch die bewusst empfundenen Schuldgefühle des Co-Narzissten nach. Diese sind zwar nach wie vor vorhanden, werden nun jedoch ebenfalls auf den Narzissten projiziert. Die toxische Beziehung hat damit eine neue Eskalationsstufe erreicht. So verständlich dieses Verhalten auch ist, es führt noch mehr in die Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Doch es geht auch anders.

Entwicklungsaufgabe beim Co-Narzissmus

Mit etwas Glück reift im Co-Narzissten mit der Zeit der Wunsch heran, selbstständiger zu werden und mehr aus sich heraus zu leben, anstatt immer nur in Bezug auf andere. Hierin liegt die große Chance, die toxischen Beziehungsmuster zu durchbrechen, die ihn sonst immer weiter anfällig für toxische Beziehungen machen.

Dazu ist es heilsam, einen Blick auf die in der Kindheit entstandenen Prägungen zu werfen und diese mit therapeutischer Unterstützung ein für allemal hinter sich zu lassen. Nur so wirst du in der Lage sein, in Zukunft eine wertschätzende Beziehung mit einem geeigneten Partner zu führen. Doch es geht noch weiter.

Wenn du Mutter oder Vater bist, denke für einen Moment daran, wie deine Kindheitserfahrungen dich geprägt haben und bis heute deine Beziehungen beeinflussen. Als Elternteil hast du die Chance, diese Kette destruktiver Beziehungserfahrungen für deine Kinder zu unterbrechen, damit sie nicht das durchleben müssen, was du durchlebt hast. Denn Kinder lernen nicht durch das, was man ihnen sagt sondern durch das, was sie an ihren Vorbildern wahrnehmen und beobachten.

Beziehungsmuster werden auf verschiedenen Wegen von einer Generation an die nächste weitergegeben.

Überlege einen Moment, wie sehr du durch deine toxischen Beziehungserfahrungen verletzt wurdest. Du hast die Chance, dieses Leiden deinen Kindern mit großer Wahrscheinlichkeit zu ersparen, wenn sie sehen, welche Entwicklung du durchgemacht hast. Und nicht nur deinen Kindern ersparst du damit großes Leid.

Vermutlich auch ihren Kindern und Kindeskindern. Was wir heute in uns heilen, muss nicht mehr von unseren Nachkommen gelebt werden. Es darf vorbei sein. Für dich und alle, die nach dir kommen. Indem wir heilen, heilen wir ein kleines Stück der Welt von heute und ein großes Stück der Welt von morgen.

Wie du das für dich und deine Familie umsetzt, erfährst du in meinem kostenlosen Narzissten-Detox-Kur(s). Melde dich gleich an und erfahre, wie du toxische Beziehungsmuster überwindest.

>>> Hier geht's weiter:
Toxische Beziehung Test: Diese 10 Fragen geben dir Klarheit und
Wie du aufhörst, Narzissten anzuziehen

Ent-Narzisstifiziert: Wie du nur noch Bindungen eingehst, die dir wirklich gut tun

Erfahre, wie du dysfunktionale Bindungsmuster überwindest, Narzissten hinter dir lässt und gesunde Beziehungen führst.

Wer schreibt hier?

Hi,

ich bin Andreas...

und auf toxische Beziehungsmuster mit narzisstischen Persönlichkeiten spezialisiert Seit über zehn Jahren helfe ich deshalb als Live-Coach, Heilpraktiker für Psychotherapie und Autor Partnern und Kindern von Narzissten, wieder auf die Beine zu kommen, alte Wunden zu heilen und co-abhängige Bindungsmuster zu überwinden, um in Zukunft wertschätzenden Beziehungen auf Augenhöhe zu führen.

Zum Hauptartikel über Narzissmus:

>